Kultur : Die Wut nicht verlieren

ECKART LOTTMANN

Andres Veiel, Dokumentarfilmer und Gewinner des Adolf-Grimme-PreisesVON ECKART LOTTMANNDas Foto aus dem Jahr 1979 zeigt die übermütige Abiturientenklasse eines Gymnasiums in Stuttgart-Möhringen.Für drei der Schüler ist das Reifezeugnis kein Start in ein gesichertes Leben: Sie bringen sich in den folgenden Jahren um.Andres Veiels Film "Die Überlebenden" ist der Versuch zu verstehen, was seine drei ehemaligen Klassenkameraden verzweifeln ließ.Vielleicht auch der Versuch, mit der eigenen Vergangenheit fertigzuwerden: "Erst jetzt muß ich Möhringen nicht mehr vernichten." Andres Veiel, 38 Jahre alt, hat vor dieser sehr persönlichen Arbeit erst drei Filme gemacht - aber jeder beeindruckte durch das intensive Verhältnis zu seinen Protagonisten.Veiel investiert Jahre in jedes Projekt, will genau verstehen, was die Menschen umtreibt - die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, nach Solidarität, nach Liebe.Dabei konzentriert er sich immer nur auf ein Projekt.Auch um den Preis eines sehr einfachen Lebensstandards. Zur Schule ging Veiel in einer Zeit, als die Gesellschaftskritik der Studentenbewegung durch frisch examinierte Lehrer auch die nächste Generation erfaßte.Die Konflikte waren programmiert: mit den älteren Lehrern, deren Weltbild noch durch Krieg und Nachkrieg geprägt war, mit den Eltern, die erwarteten, daß ihre Kinder Karriere machten.Auch Veiel spürte diesen Druck: Er sollte in die elterliche Anwaltspraxis einsteigen.Stattdessen verweigerte er den Dienst in der Bundeswehr, ging ein Jahr lang nach Australien.Studierte dann in Berlin Psychologie und filmte bald auf Video, was politisch die Republik bewegte: Aktionen der Friedensbewegung.Mit dem fertigen Film reiste er von Dorf und Dorf, diskutierte in den Gasthöfen über Nachrüstung und Pershing II. Mitte der achtziger Jahre lernt er in den "Internationalen Regieseminaren" am Künstlerhaus Bethanien vor allem von Krzysztof Kieslowski, macht Theaterarbeit mit Gefangenen der JVA Berlin-Tegel.Gerade 31 Jahre alt, realisiert er seinen ersten "richtigen" Dokumentarfilm mit der 82jährigen Inka Köhler-Rechnitz als Protagonistin in "Winternachtstraum".Ende der zwanziger Jahre schien sie vor einer Karriere als Schauspielerin zu stehen, doch erst ihr Ehemann, dann die politischen Zeitläufte machten die Hoffnung zunichte.Nun bekommt sie durch Veiel die Chance, mit einem eigens geschriebenen Stück in eben jenem Theater aufzutreten, das sie damals engagieren wollte.Der Film verwebt Lebensleid und Probenarbeit, zeigt Glücksmomente und die Sorge, diese letzte Herausforderung nicht mehr schaffen zu können. Ausdauer und Nervenstärke braucht Veiel auch bei "Balagan" (1993), über einen palästinensischen Schauspieler und eine jüdische Darstellerin, die im israelischen "Theaterzentrum Akko" arbeiten.Ihr Stück "ARBEIT MACHT FREI" kritisiert die Art, wie Israel den Holocaust erinnert und funktionalisiert, als ein "israelische Opium der Massen".Sprengstoff barg dieser Film, den Veiel sich abverlangt hatte.Und er hatte Erfolg."Balagan" lief für einen Dokumentarfilm gut im Kino und gewann den Deutschen Filmpreis in Silber.Die damit verbundene Produktionsprämie, Fördergeld verschiedener Bundesländer und die Beteiligung des ZDF ermöglichten ihm "Die Überlebenden". Wie bewahrt man professionelle Distanz zu einem Film über den Tod, das Leben von Freunden? Veiel war mehrmals kurz davor, das Projekt aufzugeben.Thilo zum Beispiel: Seine ganze Leidenschaft galt der Musik, aber auf Druck seiner Eltern studierte er Medizin, verpatzte die Prüfung, versuchte es erneut.Und kam mit dem Leben nicht mehr klar.Leise berichtet seine damalige Freundin, wie die Liebe in Gewalt umschlug.Thilo vergiftete sich mit Autoabgasen in der Garage.Thilos Vater beschrieb Veiel kühl und detailliert den mutmaßlichen Ablauf der Selbsttötung.Als er sah, wie sehr das Veiel zu schaffen machte, sagte er nur, es sei wohl besser, die Schilderung abzubrechen: "Ich will nicht, daß Sie der Vierte sind." Ruhig berichtet Veiel von solchen Begebenheiten, die sich während der Produktion ereigneten.Nur das Wort "Wut", das er oft gebraucht, verweist auf das, was ihn treibt.In ihm brodelt es.Sein neues Projekt, eine Langzeitdokumentation, gilt dem Schauspiel als Wechsel von Identität.Den ersten dieser Filme strahlt das ZDF im Sommer aus."Drei von Tausend" zeigt junge Frauen und Männer, die sich an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch bewerben; er verfolgt die Gedanken und Gefühle, die die Kandidaten bewegen.Durchsetzen gegen die Eltern muß sich anscheinend keiner mehr.Die Eltern sind aufmerksam, allenfalls melancholisch.Der Vater einer Bewerberin, die ihr Studium abgebrochen hat: "Ich finde, Du hast Deine Chancen verpaßt." Kein Streit - nur eine Bemerkung.Glück wünscht er ihr trotzdem. Für Veiel ist das Projekt ungewohnt, wohl, weil die existentiellen Krisen fehlen.Er selbst, der für "Die Überlebenden" soeben den Adolf-Grimme-Preis, die in Deutschland renommierteste Auszeichnung für Fernsehproduktionen, erhalten hat, bleibt bescheiden.Als er unlängst seine Trophäe in Empfang nahm, dankte er dem ZDF-Redakteur Siegfried Kienzle.Kienzle, der demnächst in Pension geht, hat alle drei Dokumentarfilme Veiels koproduziert: ein Redakteur, der an seinen Autor glaubt.

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