Kultur : Die Zärtlichkeit der bösen Blumen

Nichts ist so, wie es scheint: der „Tiger Lillies Circus“ im Tipi am Berliner Kanzleramt

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Falls Sie wissen wollen, wie man ein Programm inszeniert, das Ihnen die Erfahrung poetischer Trance anbietet, schauen Sie im Tipi-Zelt neben dem Kanzleramt auf den riesigen Septembermond. Auf ein magisches Kraterfeld, von dessen Anziehungskraft der singende Mann an der Rampe empor ins All gezogen wird. Betrachten Sie das Triptychon malerischer Bühnenprospekte, die einen Park karg, weißknospig, sonnenverbrannt im Jahreszeitenwechsel zeigen. Bewundern Sie die Nackttänzerin, deren Ganzkörpertattoo aus dem orientalischen Ornt der Bühnentapete erblüht. Lassen Sie sich verblüffen von der Dame in der Kommode, deren Extremitäten und Dessous zur Vorbereitung ihrer Ankleidung aus den Schubladen drängen, bis die Schöne in voller Pracht dem Möbelstück entsteigt und nonchalant das Trickwerkzeug ihrer Täuschung präsentiert, die Waffen einer Frau. Staunen Sie über den kolossalen Jongleur im großkarierten Gauneranzug, der seine Melone, Zündhölzer, brennende Zigarre und Wasserglas mit Angeberpose durch die Luft wirbelt, als liege ihm ständig ein breites „Pah! Ich zeig`s euch“ auf der vorgeschobenen Lippe. Wenn Sie selbst mondsüchtig werden wollen, schauen Sie einfach auf den Bilderbogen der Poesie.

Wenn Sie erleben wollen, wie man in Trance gerät, folgen Sie den Schamanen dieser Zirkus-Veranstaltung, den Tiger Lillies, die sich on stage, in der Einsamkeit ihrer Düsterwelt, in größtmöglicher Entfernung voneinander postiert haben. Der hintergründige Bassist (Adrian Stout) mit rotem Smoking und Zylinder. Der skurrile Schlagzeuger (Adrian Huge) mit Leopardenmütze und Kinnbart. Der sanft verschlagene Akkordeonist, bucklig, schiefköpfig (Martyn Jacques). Lassen Sie sich ein auf den monotonen Singsang seines Falsetts, auf minimalistische Rummelplatzrhythmen und -Melodien, auf bockige Dissonanzen. „Wir segeln zu Horizonten, die eines Tages enden werden“, singen die Tiger Lillies. Hören Sie ihre Texte, aus denen Regisseur Sebastiano Toma jene ästhetischen Tableaus entwickelt hat, welche durch den Sarkasmus der Liedinhalte wiederum gebrochen werden müssen. „Sie behandeln dich wie eine Krankheit und schauen alle zu, wie du blutest,“ konstatiert Martyn Jacques. „Diese Freakshow ist die beste in der Stadt“. Die Lieder erzählen von Liz, die ein Star werden will, von dem Zuhälter Tony, der sie komplett tätowiert. Von der falschen Hure Jacky, die gestern erstochen wurde. Von dem Brandstifter und der menschlichen Mordmaschine. „Jetzt stehe ich an deinem Grab und heule jeden Tag,“ klagt die Fistelstimme. „Geld fließt in unsere Kasse, aber nichts ist ganz so, wie es scheint.“

Die Tiger Lillies, diese mittlerweile berühmten Blumen des Bösen aus dem britischen Underground, stehen an einem sensiblen Punkt ihrer Selbstvermarktung: Das Kult-Unternehmen beweist routinierten Varietèbetrieben, wie sich eine Nummernrevue zum Gesamtkunstwerk tunen lässt; zugleich wirkt manche eingebaute Akrobatik neben solch abgründig lilienhaften Partnern sehr steril. Ein Hauch von kaltherziger Zärtlichkeit liegt über dem Mainstream-Avantgarde-Event. Deshalb sollten Sie besser selbst in Trance geraten, undistanziert zuschauen und sich weinselig die (seit gestern klugerweise ausgelegten) Texte zu Gemüte führen: um den schönen Kulissenzauber in Ihr Privatpanoptikum zu verwandeln. Nichts ist, wie es scheint. Träumen Sie einfach, Sie säßen in einem Kellerlokal und hätten ein Herz aus Gold . Thomas Lackmann

Im Tipi bis 29.9., Di bis So um 20Uhr30

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