Kultur : Die Zahl der Flaschen

Das Hebbel wird 100 – und feiert mit 100 Berlinern

Patrick Wildermann

Die ganze Welt besteht aus nichts als Zahlen, Kalendarien, Statistiken, Jubiläen. Das Hebbeltheater zum Beispiel wird gerade 100 Jahre alt, und für ein Theater ist es natürlich okay, vorübergehend ganz hinter dieser bedeutungsvollen Doppelnull zu verschwinden. Zumal, wenn Bürgermeister Klaus Wowereit, Akademieder-Künste-Vizepräsidentin Nele Hertling und Intendant Matthias Lilienthal ihm so nett und mit schönen Exkursen zu seiner Geschichte gratulieren, wie anlässlich der Geburtstags-Gala geschehen.

Menschen aber wollen nie bloß Ziffern sein. Und werden trotzdem ständig in Torten- und Blockdiagramme gepresst. Mit diesem Umstand spielen die AlltagsForscher der Gruppe Rimini Protokoll in ihrer Inszenierung „100 Prozent Berlin“, die sie dem Hebbel zum Geburtstag eingerichtet haben und in der sie Zahlen mit Gesicht auftreten lassen. Einhundert Berliner, die nach den Kriterien Geschlecht, Alter, Familienstand, Herkunft und Wohnbezirk die Stadt repräsentieren. Zu Beginn tritt ein 3,4-Millionstel der Berlin-Bewohner mit Namen Thomas Gerlach auf die Bühne, der als Statistiker arbeitet und kurz das Auswahl-Prozedere erläutert: ein Mensch wurde gecastet und schlug den nächsten vor, der wiederum einen anderen – eine statistische Kettenreaktion, bei der am Ende eben das Verhältnis stimmen musste. Fünf Prozent der Berliner sind beispielsweise Kinder zwischen sechs und 12 Jahren. Also stehen jetzt fünf Kinder dieser Altersgruppe auf der Bühne. Alle hundert haben ein persönliches Erkennungsmerkmal mitgebracht, was vom Hertha-Trikot bis zur Silikon-Einlage reicht. Und dann passiert mit ihnen, was Zahlen eben widerfährt: sie werden fröhlich verschoben. Per Videobeam werden Fragen eingeblendet – „Finden Sie Berlin noch sexy?“, „Gehören Sie einer Partei an?“, alles Mögliche – woraufhin sich die Menschen unter ein „Ich“- oder „Ich nicht“-Schild gruppieren. Man staunt, was man über seine Mitbürger erfährt. Wieviele schon mal ein Leben gerettet haben. Wie wenige schwarzfahren. Das Ganze hat den Charme eines ausgedehnten Wahrheit- oder Pflicht-Spiels, aber eben Charme. Was für ein formidables Geschenk: Die ganze Stadt auf der Bühne. Danach gab’s zur Feier des Tages Karaokeparty und Freigetränke, und wer weiß, vielleicht hat irgendwer am Morgen die leeren Flaschen gezählt.Patrick Wildermann

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