Kultur : Die Zeche zahlt sich aus

Zum Start seiner Ära bei der Ruhrtriennale lädt Jürgen Flimm Andrea Breth und Alvis Hermanis ein

Christina Tilmann

Wie gestrandete Tanker liegen sie im Land, rostend, rotbraun blätternd und in der Nässe leise tropfend. Ein nostalgisches Bild aus vergangenen Zeiten, das an die „Titanic“ oder den „Palast der Republik“ erinnert. Denn alle Kunst- und Kultur-Aktionen, mit denen sowohl die IBA Emscherpark als auch die Ruhrtriennale seit einigen Jahren versuchen, die monumentalen, Anfang der Neunziger stillgelegten Zechen, Fördertürme und Maschinenhallen des Ruhrgebiets wiederzubeleben, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man hier auf Ruinen tanzt.

Nostalgie also ist das Gebot der Stunde. Triennale-Chef Jürgen Flimm erinnert daran, dass die Romantik und die Industrialisierung zur gleichen Zeit entstanden. Und die Regisseurin Andrea Breth, die mit „Nächte unter Tage“ die Eröffnungspremiere der Ära Flimm in Essen ausrichtet, hat sich mit Christian Boltanski einen ausgewiesenen Erinnerungskünstler an die Seite geholt hat. Und so ist der Abend, der als „theatralische Installation“ angekündigt wird, auch mehr Kunst als Theater, mehr Bild als Wort. Und vor allem: ein Erlebnis.

Zunächst führt die Reise unter Tage in die Höhe: mit einer rumpelnden Standseilbahn fahren die Besucher bis zur höchsten Ebene der ehemaligen Kokerei Zollverein. Am Ende des Tunnels leuchtet, blendet eine riesige, künstliche Sonne. Doch dann geht es abwärts, über unendliche Treppen, mitten durch den Kohlenschacht bis auf den Boden der Zeche. Irgendwann steht man am Fuße eines Schornsteins, blickt gen Himmel, und dort oben leuchtet ein einsamer (ebenfalls künstlicher) Stern, während der Regen in die Pfützen tropft.

Die „Bergwerke von Falun“, eine Erzählung von E.T.A. Hoffmann, hat Andrea Breth und ihren Autor, den Münchner Lyriker Albert Ostermaier, inspiriert. Die romantische Geschichte einer jungen Frau, die sich in einen Bergmann verliebt: Er wird verschüttet, unter Tage jahrzehntelang in jugendlicher Gestalt konserviert, während sie auf der Erde in Trauer dahinwelkt. Irgendwann werden die junggebliebenen Toten geborgen – und ein altes, hutzliges Mütterchen findet spät die erste Liebe wieder.

Es sind die Menschen, die hier arbeiteten, denen Breths und Boltanskis Aufmerksamkeit gilt. Oder besser dem, was sie zurückgelassen haben. Schon im ersten Raum fahren rasselnd Overalls auf und ab, und im nächsten sortieren Schauspieler Kleiderberge, werfen ab und zu ein Stück durch den Trichter hinab. Wie riesige Vögel, mit dramatischem Schattenwurf, flattern die Lumpen herab und treffen klatschend am Boden auf. Am Ende muss man über diese Kleider steigen, in Massen liegen sie in einem riesigen Raum und sind unter den Tritten weich und nachgiebig wie Menschenkörper.

Der Assoziationsraum, den Breths/Boltanskis so bildmächtige Installation aufreißt, ist ungeheuer, reicht vom Kohlekumpel übers Altkleiderlager bis, ja vielleicht, bis Auschwitz. Die Texte, auch wenn Udo Samel sie sonor und stark in den riesigen Raum spricht, verhallen dagegen fast ohne Effekt, und auch die Pianistin Elisabeth Leonskaja, die am Ende eines Wasserbeckens auf dem Flügel spielt, kommt kaum an gegen die sanft tropfende Regen- und Ruinenromantik. Doch auch wenn der Abend einen Großteil seines Zaubers der Location verdankt: Es ist Breth/Boltanskis großer Verdienst, den Ort so unerwartet zauberhaft zum Klingen gebracht zu haben.

Echte Kohlekumpel gibt es auch am nächsten Abend, in der Zeche Zweckel bei Gladbeck. Zu zehnt sitzen die in Glaskästen und lesen ein Buch: Vladimir Sorokins Russland-Phantasie „Das Eis“. An den Wänden rührende Erinnerungstexte an „unsere Schmiede im Wald“. Später setzt sich auch das Herz der Zeche, der riesige Generator, noch einmal rumpelnd in Bewegung, Funken sprühen, während Schauspieler Schlittschuhe schleifen.

Doch was der lettische Regie-Star Alvis Hermanis in Gladbeck versucht, ist alles andere als die Beschwörung einer nostalgisch verklärten Vergangenheit. Sorokins umstrittener Roman, der dem Abend zugrunde liegt, ist eine Zukunftsvision: eine geheimnisvolle Sekte übernimmt in Russland die Macht und rekrutiert ihre Mitglieder, indem sie ihre Herzen zum Sprechen bringt. Wer sich bei der Behandlung mit einem Eishammer als „Niete“, als „hohles Schwein“ herausstellt, wird gnadenlos ermordet, während die Sektenmitglieder davon träumen, irgendwann die magische Zahl 23000 wieder zu erreichen.

Doch die Bildkraft, die Sorokins Roman prägt, der sich gnadenlos kolportierend bei Groschenheften, Filmen, Comics und NS-Ästhetik bedient, verweigert der Regisseur dem Publikum. „Kollektives Lesen eines Buchs mit Hilfe der Imagination“ kündigt er an, und genau das passiert: 24 Schauspieler, teils vom Frankfurter Schauspielhaus – hier war ein Teil schon im Januar zu sehen – , teils von Hermanis’ „Ensemble Jaunais“ in Riga, lesen Sorokins „Eis“. Das heißt, die einen lesen vor, die anderen spielen nach, man übersetzt simultan im mehrsprachigen Ensemble oder gibt dem Zuschauer Comics, Fotoalben und Bilderstorys an die Hand, die die Lesung illustrieren. Das wirkt, unter kaltem Licht, merkwürdig redundant: selten die Augenblicke, in denen – bezeichnenderweise meist ohne Text – so etwas wie Bühnenmagie entsteht.

Am Ende des vierstündigen Abends leuchtet draußen auf dem Feld wieder eine riesige, künstliche Sonne. Doch der Zauber vom Vortag stellt sich nicht ein.

Weitere Informationen unter www.ruhrtriennale. de

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