Kultur : Die Zehn-Prozent-Hürde

Leipzig renommiert mit Riccardo Chailly - doch kann sich die Stadt den Stardirigenten leisten?

Jörg Königsdorf

Vielleicht kennt Riccardo Chailly die Befindlichkeiten der ostdeutschen Seele besser, als man vermuten könnte: Ausgerechnet Verdis „Requiem“ hatte der Stardirigent ausgesucht, um sich – punktgenau auf den 15. Jahrestag der Maueröffnung platziert – den Leipzigern als designierter Generalmusikdirektor von Oper und Gewandhaus-Orchester vorzustellen. Zum Feiern allerdings ist in Leipzig derzeit kaum jemandem zumute: Um das chronische Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen, hat Bürgermeister Wolfgang Tiefensee eine Personalkostenabsenkung bei den städtischen Betrieben um zehn Prozent verordnet.

Ein schwerer Schlag auch für die Kultur der sächsischen Messestadt: Schauspielchef Wolfgang Engel, der ohnehin nahezu eine Million Euro Verluste vor sich herschiebt, hat bereits Alarm geschlagen und klargestellt, dass diese Summe bei gleichzeitiger Steigerung der Tariflöhne mit ihm nicht zu erbringen sei. Nachdem Tanztheater und Experimentierbühne bereits in den letzten Jahren dem Spardiktat zum Opfer gefallen waren, wird nun über Haustarife nachgedacht.

In diesem Umfeld sollte die Verpflichtung Chaillys als Nachfolger Herbert Blomstedts zum Gewandhauskapellmeister ab der Saison 2005/06 eigentlich ein deutliches Zeichen setzen: Denn statt auf Spartenvielfalt zu setzen, konzentriert sich Leipzig auf die Profilierung als Musikstadt – wohl auch weil die Namen Bach und Mendelssohn, Gewandhaus und Thomaner ein gutes Kapital im internationalen Kulturtourismus bedeuten. Doch der Star ist nicht billig: Insgesamt 1,8 Millionen Euro mehr für Oper und Orchester hat Chailly gefordert – eine Summe, bei der den Stadtvertretern mulmig wird. Kein Wunder, dass bereits über einen Rücktritt vor Chaillys Amtsantritt spekuliert wird.

Gut angelegt wäre das Geld freilich allemal: Denn während die Spitzenorchester in aller Welt sich erbittert um Dirigenten balgen, haben die Leipziger mit dem 50-jährigen Chailly einen goldenen Fang gemacht. Der Italiener, der von 1982-88 auch dem Berliner DSO (damals noch RSO) wieder zu internationaler Geltung verhalf und seither das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester leitet, ist einer der wenigen Topstars im Konzert- und CD-Geschäft, ein Maestro Assoluto, der in der italienischen Oper ebenso zu Hause ist wie bei Mahler und Schönberg. Vor allem aber ist Chailly einer der Dirigenten, die am Klang des 21. Jahrhunderts mitschmieden, die Musik nicht als Traditionspflege begreifen, sondern die historischen Ausdrucksformeln gegenwartstauglich formulieren können.

Ein reflektierter Zugang, für den auch die Wahl des Verdi-Requiems steht: Denn das monumentale Trauer-Opus liegt gleich in mehrfacher Hinsicht genau im Fadenkreuz von Chaillys Leipziger Perspektiven, schafft die Verbindung von Konzertsaal und Oper ebenso wie zwischen italienischem Belcanto und deutscher Chorsinfonik – neben seinen Konzertprogrammen und einer neuen Opernproduktion pro Jahr will Chailly in Leipzig auch Bachs Passionen dirigieren.

Von tränenseliger Ergriffenheit ist in Chaillys Requiem denn auch wenig zu spüren – ähnlich wie bei dem verstorbenen Giuseppe Sinopoli ist seine Verdi-Sicht von einem Reaktionsprozess zwischen erfühltem Melos und intellektueller Distanz geprägt. Chailly geht es nicht um den Affekt persönlicher Trauer, sondern um das Bestandsprotokoll einer historischen Umbruchsituation. Das als Gedenkwerk auf Rossini und Manzoni konzipierte Werk wird zur Totenmesse für das alte Italien: Während das – ausgezeichnete – Solistenquartett (Carmela Remigio, Gloria Scalchi, Massimo Giordano, Orlin Anastassov) für die untergehende, humane Konversationskultur des Belcanto steht, wird der durch den Chor Sinfonico di Milano verstärkte Leipziger Opernchor in seiner extremenKlangmassierung zum Symbol des anonymen Proletariats. Das eisern vorangetriebene Dies Irae mit seinen ins Brutale forcierten Paukenschlägen gibt den Takt des Industriezeitalters an. Mahler lugt um die Ecke. Am Ende bleibt der Oper nur der schöne Tod im ätherisch verklingenden „Libera me“ des Soprans – ein letzter Sonnenstrahl vor dem Einbruch der Nacht.

Verdis Requiem als grandiose Klangwerdung einer Zeitenwende – vermutlich kennt Riccardo Chailly die Leipziger tatsächlich schon viel besser, als sie selbst es wissen.

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