Kultur : Die Zeit arbeitet gegen das Recht

Neue Arbeitsgruppe der Museen zur Beutekunst

Bernhard Schulz

Sieben Jahre nach dem Gesetz der russischen Duma, mit dem die von der Roten Armee abtransportierte Beutekunst völkerrechtswidrig verstaatlicht wurde, hält ein unguter Alltag in den Museen Einzug. Allmählich beginnen russische Institutionen, die bis dahin in Geheimdepots versteckten Schätze in den Bestand einzugliedern und alle Spuren ihrer Herkunft zu tilgen. Ausstellungen werden ganz selbstverständlich veranstaltet, seit das Moskauer Puschkin-Museum 1996 mit der Sensation des Berliner Schliemann-Schatzes aufwartete.

„Die Zeit arbeitet gegen uns“, konstatiert Klaus-Dieter Lehmann nüchtern. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellte gestern in der Berliner Gemäldegalerie, einem der Hauptleidtragenden von seit 1945 verschollenen Kunstwerken, die „Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog“ vor. Sie wurde ins Leben gerufen bei einer mit rund 70 Teilnehmern und fast ebenso vielen Museen besetzten Tagung zur Problematik der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter – kurz Beutekunst – Anfang November in Berlin.

Die Initative, so Lehmann als eines der ständigen Mitglieder der „Lenkungsgruppe“, wolle zuvörderst den Informationsstand auf beiden Seiten verbessern. Insbesondere sollen hierzulande Verlustlisten, in Russland – wo die erdrückende Mehrzahl der von der Roten Armee 1945/46 verbrachten Kulturgüter lagert – Inventare des Bestandes erstellt werden, um einen präzisen Überblick über die vermissten Werke und ihre Standorte zu gewinnen. Den auf russischer Seite gepflegten Mythos, es gebe in Deutschland Geheimdepots mit von Wehrmacht und SS erbeuteten russischen Objekten, gelte es zu entkräften. Arbeitsaufenthalte von Wissenschaftlern im jeweils anderen Land sollen die Kenntnis der Bestände herstellen und vertiefen. „Bislang fehlen uns einfach Zahlen und Fakten“, wie der Dresdner Generaldirektor Martin Roth bündig ergänzte. Hartmut Dorgerloh, Chef der Berlin-Brandenburgischen Schlösserstiftung, fasste die Ziele der Initiative so zusammen: „Kenntnisse vertiefen, Zustände verbessern, Kooperation ausbauen.“ Einen Rückkauf von Beutekunst oder privat angeeigneter Beutekunst schloss Lehmann kategorisch aus.

Der neue Vorstoß deutscher Museen zielt auf vertrauensbildende Maßnahmen auf Fachebene, auf Austausch, Informationen, auf den Umgang mit den Kulturgütern. Zugleich soll die russische Öffentlichkeit, die das Thema bislang als rein innenpolitische Angelegenheit wahrnimmt, besser informiert werden. In der Sache selbst, nämlich der Geltendmachung des Völkerrechts, das die Wegnahme kultureller Güter aus gleich welchem Anlass schlichtweg verbietet, hegen die Initatoren wenig Hoffnung.

Das ist Aufgabe der Politik. Nachdem der schwarz-rote Koalitionsvertrag immerhin zwei Sätze zum Thema verliert, hoffen die Initatoren auf Unterstützung. Immerhin herrscht seit vielen Jahren Stillstand in den Verhandlungen. Kanzler Schröder hat sich für das Thema nie recht erwärmen können. Kanzlerin Merkel wird es, ohnehin auf etwas mehr Distanz zu Moskau bedacht, hoffentlich aufgreifen. Der Rat, das Wissen – aber auch das Feuer der Fachleute für das ihnen anvertraute Erbe stehen ihr zu Gebote.

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