Kultur : Die Zeit der Comics ist vorbei

Gerhard Seyfried zurück in Berlin: Sein neuer Roman taucht in die Terrorszene der 70er Jahre ab.

Susanna Nieder

Berlin, 1975. Fred, Jenny und ein paar Freunde aus der linken Szene sind in Schöneberg unterwegs. Sie merken schnell, dass sie observiert werden. Allerdings scheinen die Zivilfahnder ungeübt zu sein, denn an der Urania bleiben sie an einer Ampel hängen. „Wenn die Armleuchter uns verlieren, lösen sie womöglich eine Fahndung aus, das wär jetzt total blöd!“, sagt Jenny. Fred steigt aus und gibt den peinlich berührten Polizisten Bescheid, wo es hingehen soll.

Diese Szene stammt aus dem Roman „Der schwarze Stern der Tupamaros“, in dem Gerhard Seyfried seine Erinnerungen an die wilden Jahre vor und nach ´68 verarbeitet hat. Die Handlung beginnt im Jahr 1974, als Fred, ein Münchner, Jahrgang 1948, selbstverständlich langhaarig, in Lederjacke und Jeans gewandet, sich in Jenny verliebt. Jenny ist Anfang 20, studiert wie viele damals ein bisschen herum und driftet langsam in Richtung Terrorszene ab. Irgendwann wird sie in West-Berlin verhaftet und ins Frauengefängnis in der Lehrter Straße gesteckt. Sie kann fliehen, muss sich aber fortan im Untergrund durchschlagen. Für Fred bedeutet das: monatelange Ungewissheit, kurze illegale Treffen, schleichende Entmutigung. Irgendwann breitet sich die Hoffnungslosigkeit über das ganze Leben wie eine graue Filzdecke, die alles zu ersticken droht.

Was wissen Nachgeborene und Kinder von damals von jenen bewegten Zeiten? Dass sie wild und die Haare lang waren, dass gekifft, diskutiert und gegen „die Bullen“ gekämpft wurde. Gut gegen Böse: Soviel zu den Klischees. Doch hier erzählt einer, der bis in die Achziger einer der wichtigsten und witzigsten Chronisten der linken Bewegung war.

Gut drei Jahrzehnte nach der wilden Zeit ist Gerhard Seyfried, den meisten bekannt als Zeichner knubbeliger Comicfiguren, an Berliner Schauplätzen aus seinem neuen Roman unterwegs. Sein Münchner Akzent hat sich kaum abgewetzt, obwohl er 1977 nach Berlin gezogen war, nur statt „ich“ sagt er „ick“. Zurück von einem einjährigen Abstecher in die Schweiz, ist er jetzt wieder auf Wohnungssuche in Berlin.

Die meisten Orte der Hauptstadt haben ihr Gesicht in den letzten 30 Jahren verändert, aber der Frauenknast in der Lehrter Straße ist immer noch derselbe alte Ziegelkasten mit Stacheldrahtverhau. Auch das Kunstamt Bethanien in Kreuzberg, in dessen Nähe Seyfried einmal ein Haufen säuberlich ausgeschnittener Hakenkreuze vor die Füße schwebte, sieht noch so aus wie früher. Im Kapitel „Hakenkreuzberg“ hat er die Szene im Roman beschrieben.

Über Seyfried-Comics wie „Wo soll das alles enden“ oder „Invasion aus dem Alltag“ kann man sich heute noch schieflachen, und in einem Interview auf seiner Website erklärt der Autor, dass er nach wie vor gegen die drei größten Untugenden der Deutschen ankämpft: „Humorlosigkeit, Humorlosigkeit und Humorlosigkeit.“ Mit „Der schwarze Stern der Tupamaros" ist das anders. „Eigentlich dachte ich, jetzt schreibst du ein lustiges Buch über die Zeit. Aber dann wollte es nicht.“ Das Buch ist traurig geworden.

Was keinesfalls heißen soll, der Autor trauere der guten alten Zeit nach: „Ich bin froh, dass es rum ist.“ Anfangs war wohl noch Spaß dabei. Man konnte die „Spießer“ provozieren, sich die Nächte um die Ohren schlagen und Parolen wie „High sein! Frei sein! Terror muss dabei sein!“ an Wände schmieren. Doch je länger das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Linken dauerte, desto ernster wurde es. Immer wieder festgenommen und abgehört, „von polizeilicher Seite in die Szene hineingepresst werden“, wie Seyfried es ausdrückt – irgendwann wurde der Spaß zur Quälerei. Je näher man zum Umfeld der Terroristen gezählt wurde, desto erbarmungsloser war die Verfolgung. „Man soll nie einen Feind so weit in die Ecke drängen, dass ihm nur noch Mord oder Selbstmord bleibt – das hat der General von Clausewitz gesagt. Kein Nazi ist jemals so lang im Knast geblieben wie die Terroristen. Das hätte man auf friedlichere Art lösen können.“

Andererseits – hier die guten Linken und da die bösen Bullen, so war es eben auch nicht: „Seit Garmisch hat für mich die Formel ,Bullen sind Schweine’ nicht mehr gestimmt.“ Damals, im September 1968, haben Polizisten Gerhard Seyfried und einige langhaarige Freunde bei einer Veranstaltung des Deutschen Veteranenbundes vor einem gefährlich aufgebrachten Mob geschützt; die Szene ist im Buch beschrieben. Nach diesem Erlebnis hat Seyfried in seinen Comics Polizisten zwar immer lächerlich machen, aber nie mehr verletzen wollen. Staatsgewalt und Widerstand sind die Themen, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen, das gilt für die Comics wie für die Romane. Der erste, „Herero“ (Eichborn Berlin 2003), befasst sich mit dem Hereroaufstand 1904 im heutigen Namibia gegen die deutschen Kolonialherren. „Der schwarze Stern der Tupamaros“ ist der zweite Roman, im dritten, an dem er zurzeit arbeitet, soll es um den Boxeraufstand um 1900 in China gehen. Im Mittelpunkt steht immer die Frage: „Welchen Weg gibt es, wenn man merkt, dass man Unrecht begeht?“ Fred darf seine Meinung ändern, als ihm klar wird, dass er den linken Terror nicht mehr unterstützen kann – doch Jenny ist der Rückzug abgeschnitten.

„Im Grunde mache ich jetzt, was ich immer gemacht habe“, sagt Seyfried: „Geschichtsschreibung.“ Geschichte interessiert ihn, seit er als Kind im ruinierten München keine nachvollziehbare Erklärung für das bekam, was im und vor dem Krieg passiert war. Der Geschichtsunterricht endete mit dem Ersten Weltkrieg, über den Zweiten waren nur Klischees im Angebot: „Plötzlich waren überall kleine braune Männchen, haben einen Riesensachschaden angerichtet und sind wieder verduftet – so etwa klang das.“

„Der schwarze Stern der Tupamaros“ stellt interessante Fragen, hätte aber wesentlich spannungsreicher sein können, wenn der Autor die Handlung stärker zugespitzt hätte. Der Erzählstil ist seltsam neutral geraten; über lange Strecken gleicht der Roman einer umfangreichen Materialsammlung. Seite um Seite sind Ereignisse aufgelistet: Demo, Rumsitzen bei der Roten Hilfe, Urlaub mit Freunden in Italien, gemeinsam Wände mit Parolen beschmieren, Verhör bei der Polizei, wieder Demo. Und Seyfried wäre nicht Seyfried, wenn er nicht akribisch jedes Detail festgehalten hätte. Doch im Gegensatz zu seinen Bildern wirken die genauen Beobachtungen hier bremsend. Was außerdem fast völlig fehlt, ist der Seyfriedsche Wortwitz.

„Vielleicht habe ich wenig gestaltet, damit der Leser sich selbst eine Meinung bilden kann“, sagt er. „Irgendwie ist mir Dramaturgieplanung unsympathisch. Da hab ich das Gefühl, zu manipulieren.“ Das Buch zum Boxeraufstand soll aber eine deutlichere Romanstruktur bekommen – die Arbeit ist für Seyfried ein work in progress: „Ich betrachte mich nicht als fertigen Autor. Ich hoffe, dass ich mit meinem Schreiben eines Tages in die Nähe eines guten Buches komme.“ Comics wird er vorerst nicht mehr zeichnen: zu viel Arbeit für zu wenig Geld. Als einer, der 1968 wegen politischer Umtriebe aus der Münchner Akademie der Künste flog und das Studium der Werbepsychologie hinschmiss, weil es ihm verlogen vorkam, hat Seyfried sich und seine Comics nie so vermarkten lassen, dass sein Ruhm sich gerechnet hätte: „Das war einer meiner besten und richtigsten Fehler.“

Gerhard Seyfried: Der schwarze Stern der Tupamaros. Roman. Berlin: Eichborn. 300 S., 19,90 €. Buchpremiere heute um 18 Uhr bei Dussmann, Friedrichstr. 90 (Mitte). Info: www.seyfried-berlin.de

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