Die Zeit, der Tod, das Theater : Zeige deine Stunde

Was macht die Uhr über der Bühne? Warum läuft die Liebe manchmal rückwärts? Wie lange dauert ein ewiges Konzert? In Spoleto stand die Theateruhr jahrzehntelang still. Und in der Dresdner Semperoper hatte die Uhr schon im 19. Jahrhundert eine Digitalanzeige. Zeitsplitter und Endspiele zum Jahreswechsel.

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35 Minuten vor zwölf. Die Uhr in der Semperoper zeigt die Zeit in Fünf-Minuten-Sprüngen an. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert. Foto: IMAGO
35 Minuten vor zwölf. Die Uhr in der Semperoper zeigt die Zeit in Fünf-Minuten-Sprüngen an. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert.Foto: IMAGO

Jahrzehntelang stand die Uhr des Theaters von Spoleto auf acht. Unbeweglich die Zeiger über dem Bühnenportal, die Zeit angehalten. Das umbrische Festivalstädtchen setzte den klassischen Spruch – kurz ist das Leben, lang die Kunst – mit einem simplen mechanischen Defekt außer Kraft. Bis im Frühjahr 2013 eine private Stiftung die Restaurierung finanzierte und das Uhrwerk im Teatro Nuovo „Gian Carlo Menotti“ wieder in Gang gesetzt wurde.

Aber halt, was hat eine große öffentliche Uhr im Zuschauerraum eines Theaters verloren? In einer Silvestergala hätte das ja Sinn, aber sonst gilt doch im Theater eine eigene Zeit, jene andere Zeit, von der Hamlet sagt, sie sei aus den Fugen. Geht man nicht eben deswegen ins Theater, ins Kino, ins Konzert, um dem unentrinnbar durchgetakteten Zeitmaß aller Tage, dem digitalen Diktat zu entkommen, um offline und stumm geschaltet zu sein für ein paar Stunden, die unökonomisch ablaufen, ohne Uhr und Zeiger?

Wenn es denn gelingt, die innere Uhr zu beruhigen. Vor einer Reise wacht man pünktlich auf, auch ohne Wecker. Es gibt Menschen, die wachen in der Nacht alle ein bis zwei Stunden auf, um das Flugzeug nicht zu verpassen, um nachzusehen, wie spät es ist.

Wie kommt man da heraus, aus dem endlichen Zählwerk? Die Zeit in der Kunst relativiert das Leben. Harold Pinters Melodram „Betrogen“ beschreibt diesen Weg exemplarisch. Das Stück des Literaturnobelpreisträgers viviseziert eine Liebesgeschichte, ein Dreiecksverhältnis, das sich über Jahre hinzieht, angesiedelt im Milieu wohlhabender Literaten und Kulturschaffender. Die Zeit macht Bocksprünge, die Liebenden, die Betrüger beginnen am Ende, da sind sie längst auseinander, und spielen sich an den Anfang zurück, bis zu dem Moment des ersten Erkennens. Sie verjüngen sich und potenzieren den Schmerz nicht weniger als die Lust. Der Betrug vollzieht sich auf mehreren Ebenen; und Betrogene sind sie alle: auch der Betrüger, der mit der Frau seines besten Freundes ein Verhältnis hat, aber nicht weiß, dass der Ehemann es weiß. Das Entscheidende ist nicht, dass Eheleute und Freunde einander betrügen. Pinter greift weit über die Mechanismen des Boulevards hinaus. Es ist die Zeit selbst, die ausgehebelt wird, die Schwerkraft der Existenz scheint aufgehoben. Darin liegt die Magie.

Im Theater existiert eine andere Zeit

Und dieser Zauber braucht Schutz. Vor Vorstellungsbeginn in der Komischen Oper Berlin werden die Besucher von einer ironisch-strengen Stimme darauf hingewiesen, dass es nun Zeit sei, die Handys auszuschalten, keine SMS mehr zu verschicken und den ganzen elektronischen Klimbim mal zu vergessen. Was nicht zufällig an das Ritual im Flugzeug vor dem Start erinnert: Wir verlassen jetzt den festen Boden und erheben uns in die Lüfte.

Das Gefühl des Bodenlosen erfasst einen auch an Silvester, wenige Sekunden vor und nach Mitternacht. Man fällt oder schwebt durch einen kurzen Zeitraum, etwas Neues beginnt jetzt, Altes ist abgelegt. Silvester und der rituelle Blick auf die Uhr, das Mitzählen der Sekunden bis zum Knall – das ist auch bloß ein Theatertrick, ein sehr guter offensichtlich. Er funktioniert schon sehr lang und immer wieder. Milliarden Menschen versuchen, die innere Uhr mit der äußeren in Einklang zu bringen. Für ein paar Augenblicke kann man Frieden empfinden, eine Leichtigkeit, spürt Helligkeit und Hoffnung. Die guten Neujahrsvorsätze und das Bleigießen sind auch nichts anderes als der Versuch, mit der Zeit zu einem Deal zu kommen.

Und dann sitzt man im Teatro La Fenice in Venedig und schaut ins Pokerface einer stilvollen Uhr, die groß genug ist, um noch in den hintersten Rängen gesehen und gelesen werden zu können. Schon die Obertitel, so sehr sie auch zum Verständnis einer ohnehin absurden Opernhandlung beitragen, sind ein Element der Vernunft. Das große Ziffernblatt – man glaubt das Ticken zu hören – mischt sich grob ein in Libretto und Musik und versaut den alten Kritikerwitz: Als ich um zehn auf die Uhr schaute, war es erst halb neun.

Wir sind also nicht in einer künstlichen Vergangenheit, auch nicht in einer fantastischen Zukunft, sondern es ist 17. 20 Uhr, eine Nachmittagsvorstellung mit Verdi, der „Troubadour“ schaut ständig auf die Uhr, und der Magen beginnt sich nach einem frühen Dinner zu sehnen.

Die Uhr des La Fenice wurde bei der Renovierung 1828 eingebaut. In der „Gazetta di Venezia“ hieß es damals über den frisch gestalteten Innenraum: „Embleme mit Putten, die teils farbig, teils in Trompe-l’oeil-Relief gestaltet sind, nehmen die Flächen zwischen dem Gewölbe und der Decke über dem Orchestergraben und den Bereich vor den Logen im obersten Rang vor dem Proszenium ein und unterteilen wie ein Fach den Himmel des Proszeniums mit der neuen Uhr in der Mitte.“

Uhren waren einmal Symbole des Fortschritts

Wird man solche Berichte eines Tages auch über die frisch restaurierte Berliner Staatsoper lesen, falls es denn einmal zur Wiedereröffnung kommt? Das venezianische Opernhaus brannte sieben Jahre nach der Auffrischung ab, 1835. Die Uhr war ein Symbol des Fortschritts, damit war man 1828 hochmodern, und wenn es auch noch keine Hauptbahnhöfe gab, so verweisen die Uhren in den italienischen Opern schon auf die zukünftige Architektur der Mobilität und des Bürgerstolzes.

In Dresden, in der Semperoper, lief die Geschichte mit der Uhr ein wenig anders. Der sächsische König soll den Einbau angeregt haben, weil ihn das Ticken der Taschenuhren der Zuschauer nervte. 1841 wurde das erste Exemplar in Gang gesetzt – eine neuartige Digitalanzeige, die Stunden in römischen, die Minuten in arabischen Ziffern. Die Dresdner Uhr rückt im Fünf-Minuten-Takt vor. Auch sie wurde mehrfach ersetzt, nach dem Brand von 1869 und den verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg.

Vor über zwanzig Jahren hat der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler, von Haus aus Musiker, an der Volksbühne das Zeitschleifenstück „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“ inszeniert. Ein grandioses Schauspiel der Verarmung und Verlangsamung. Im Bühnenbild von Anna Viebrock: die berühmte Uhr mit dem Spruch „Damit die Zeit nicht stehen bleibt.“ Und tatsächlich: Ein paar Stunden lang ist auf der Bühne keine Zeit vergangen. „Murx“ wurde zur Kultveranstaltung, mit all den hypnotischen Sprüchen und Leibesübungen, dem deutschen Liedgut und unsterblichen Witzen wie „Backen ohne Mehl“. Marthalers Akteure erstickten die Zeit. Sie implodierte.

Die Frage bleibt: Was sucht die Uhr auf der Bühne? Dementiert sie nicht die Kunst? Alle Oper ist schon ein Herunterzählen der knappen und verbliebenen Lebenszeit, besonders bei Puccini. Die schwindsüchtige Mimi in „La Bohème“, die verlassene Japanerin in der „Butterfly“, sie singen sich ihrem Tod in die Arme. Krank, verlassen, betrogen, todessüchtig – in der Oper läuft die Uhr gnadenlos ab. Opulente Endspiele nonstop, Menschen- und Götterdämmerungen. Wer eine Opernbühne betritt, gleich in welcher Kostümierung, steht mit einem Bein im Grab.

Beieinand für alle Zeit und Ewigkeit

Ausnahmen gibt’s auch. Im „Rosenkavalier“, einer „Komödie für Musik“ von Hugo von Hofmannsthal, heißt es am Schluss: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein,/dass wir zwei beieinander sein,/beieinand für alle Zeit/und Ewigkeit.“ Die Oper von Richard Strauss ist ein gutes Silvesterstück. Sind wir mal ein bisschen melancholisch-optimistisch! Spielen wir mit der Zeit und nutzen den Umstand, dass sie aus dem Gelenk gesprungen ist, wie man Hamlets „time is out of joint“ auch übersetzen kann. Starren wir auf die Uhr, bis sich die Zeiger hypnotisiert verbiegen.

In einer Kirche in Halberstadt wird seit 2001 ein Orgelwerk von John Cage aufgeführt, „Organ²/ASLSP“. As slow as possible. So langsam wie möglich in einer Welt, die ASAP verlangt. As soon as possible. So schnell wie möglich. Modewörter wie zeitnah und Zeitfenster bedeuten ja nichts anderes als Hektik und Zeitzerschlagung. Auf der Webseite des Projekts heißt es: „Im Jahr 1361 wird in Halberstadt die erste Großorgel der Welt, eine Blockwerksorgel, gebaut. Diese Orgel stand im Dom und hatte zum ersten Mal eine (12-tönige) Klaviatur. Noch heute wird das Schema dieser Klaviatur auf unseren Tasteninstrumenten gebraucht. Die Wiege der modernen Musik stand damit in Halberstadt.“ Das Konzert ist auf 639 Jahre angelegt, der nächste Tonwechsel soll am 5. September 2020 erfolgen.

Hier endet die Suche nach dem idealen Silvesterstück, in St. Burchardi in Sachsen-Anhalt. Vom 24. bis 26. Dezember, am 31. Dezember sowie am 1. Januar bleibt die Cage-Kirche allerdings geschlossen.

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