Kultur : Die Zeit ist der größte Zaubermeister

KATRIN BETTINA MÜLLER

Nichts ist für die Ewigkeit.Oft existieren die skulpturalen Eingriffe des Engländers Andy Goldsworthy in die Landschaft nur für wenige Stunden.Den über Nacht festgefrorenen Bogen aus Eisplatten wird das Licht das Tages, in dem er über dem schottischen Moos glänzt, allmählich ins Rutschen und Wanken bringen.Bald wird die dunkle Silhouette, die der Körper des Künstlers im ersten Schneefall auf dem Boden hinterlassen hat, zugeschneit sein.Nur für Sekunden gar sind die farbigen Wolken des in die Luft geworfenen Staubes sichtbar.

Die Formen, in die Andy Goldsworthy die Stoffe der Natur bringt, markieren immer nur einen Punkt im Prozeß ihrer Umwandlung.Wind verweht die Muster aus farblich sortierten Blättern, schrumpeln und dunkeln werden die roten Mohnblätter, die, um einen Findling gewickelt, den Stein zur Skulptur verfremdet haben.So ist die Zeit selbst als der größte Zaubermeister in allen Arbeiten Goldsworthys gegenwärtig.

Vor Ort erleben meist nur wenige Betrachter seine flüchtigen Inszenierungen.Als er 1989 am Nordpol Pyramiden aus Eis baute, ließ er einige passionierte Sammler für einen Tag einfliegen, um zu schauen.Doch vor allem liefert die Fotografie den Zugang zu den Momenten der Verwandlung.Im Verlag Zweitausendeins erlebten die Fotobücher von Andy Goldsworthy rasanten Ausverkauf und Neuauflagen, die ihm in Deutschland eine breite Fan-Gemeinde jenseits der Kunstszene gesichert haben.Die Galerie Springer & Winckler stellt ihn nun erstmals mit einer Ausstellung in Berlin vor.

Eine verschnörkelte Linie, die über Wände und Decken der beiden Galerieräume bis hoch zur Empore läuft, bildet eine Chiffre der Kunst und Natur zugleich.Sie besteht aus ineinandergesteckten Binsen, an die Wand gepinnt mit Schlehendornen.Sie beginnt schlingernd wie ein übermütiger Schriftzug, verknäult sich dicht und läuft in einer Spirale aus.An keiner Stelle sind die Halme geknickt, die kunstvolle Form folgt ihrer naturgegebenen Biegsamkeit.Das ornamentale Rankenwerk der Kunstgeschichte findet hier eine wörtliche Übersetzung.

Dreiteilige Fotoserien, die Springer & Winckler für 25 000 DM anbieten, zeigen die Verwandlung alter Bäume.Sieht man die bemoosten Schlangenlinien am Stamm hochkriechen, könnte man fast glauben, hier habe ein australischer Aborigines, der nach Schottland verbannt wurde, seine Traumkarte in den Stamm geritzt.Doch tatsächlich sind die Formen nur mit Modder und Moos angesetzt und fallen nach kurzer Zeit wieder ab.In anderen Stämmen scheinen sich Türen und Fenster zu öffnen, als wären sie von Geistern bewohnt.

Kein Wunder, daß dieser Land-Artist aus dem Land der unerklärlichen Kornkreise und alten Feldsteinmauern stammt.Sicher beruht Goldworthys Erfolg auf einer Sehnsucht nach einer unbeschädigten Natur, die in seinen Arbeiten keine Spuren der Zerstörung aufweist.

Galerie Springer & Winckler, Fasanenstraße 13, bis 30.Oktober; Dienstag bis Freitag 10-13 Uhr und 14.30-19 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr.

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