Kultur : Die Zeit ist die Wunde

Schwarze Löcher in New York: Jonathan Safran Foers 9/11-Roman „Extrem laut und unglaublich nah“

Joachim Otte

Auftritt Oskar Schell. „Erfinder, Schmuckdesigner, Goldschmied, Amateur-Entomologe, Frankophiler, Veganer, Origamist, Pazifist, Perkussionist, Amateur-Astronom, Computer-Spezialist, Amateur-Archäologe, Sammler…“ Es ist nur ein Auszug aus seiner seltsamen Visitenkarte. Noch seltsamer, dass sie einem Neunjährigen gehört. Doch für den nervensägend neugierigen, altklugen, frühreifen, wortreichen, vorlauten Oskar Schell ist die Welt alles, was der Fall ist – und noch viel mehr.

Ihm fällt eine Menge ein, vielleicht zu viel. Die Sonne in Oskars Galaxis ist der Vater, um den Oskar munter rotiert, der ihm aber auch Entspannung vom Selbst gewährt: „Bei ihm kam mein Kopf zur Ruhe. Ich brauchte mir nichts mehr ausdenken.“ Am zehnten September fragt das Wunderkind, warum die Erde „bleibt, wo sie ist“. Der Vater sagt: „Die Erde fällt durch das All. Das weißt du doch, Kumpel. Sie fällt die ganze Zeit in Richtung Sonne.“ Am zwölften September ist der Vater tot. Der Einsturz des World Trade Center ist der Einsturz von Oskars Lebenszentrum, Ground Zero ein Schwarzes Loch: Nicht nur der Sarg des Vaters ist leer, sondern auch das Wunderkind, das davor steht. Es weiß nicht, wie sein Vater an jenem „allerschlimmsten Tag“ starb, wie Oskar die Katastrophe fortan nennt.

Auf Bildern mit den fallenden Menschen versucht er zwanghaft, aber vergeblich seinen Vater zu identifizieren. Mit der Redesucht des In-Sich-Verschlossenen kämpft er darum, seine Schuldgefühle in Schach zu halten. Symbolisiert wird das durch einen mysteriösen Schlüssel, den Oskar in einem mit dem Wort „black“ beschrifteten Umschlag bei den Sachen seines Vaters findet. Nun gilt es, Zugang zu sich selbst zu finden, „weil ich Dad erst dann richtig liebte, wenn ich es gefunden hatte“.

Jonathan Safran Foers zweiter Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ ist ein spektakuläres, sprachmächtiges Buch über die Sprachlosigkeit der Menschen angesichts der Katastrophe, aber auch angesichts ihrer selbst. In einem Interview hat Foer einmal ein Nietzsche-Diktum erwähnt: „Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch schon hinaus. In allem Reden liegt ein Gran Verachtung.“ Dem darin enthaltenen Paradox hätte auch Nietzsche nur mit hartnäckigem Schweigen ausweichen können. Auch Foer scheint der Sprache zu misstrauen, und so ist sein Buch nicht nur ein Lese-, nicht nur ein Bilder-, sondern auch, tja, buchstäblich ein Nicht-Buch, in dem es mehrfach leere Seiten gibt. Und dennoch ist Foer mit seinen 28 Jahren immer noch ein literarisches Wunderkind, ein großartiger, plastischer, sinnlicher Geschichtenerzähler.

Schon sein fulminanter Erstling „Alles ist erleuchtet“, der Foer über Nacht berühmt machte, war in eine ähnliche Ambivalenz eingespannt wie sein Nachfolger: Zwar ging es um einen Text, der sich selber überschreiben, sich selber ausradieren sollte – und damit auch das, wovon er handelte: den Holocaust. Aber „Alles ist erleuchtet“ war so witzig, so untheoretisch, so prall, so bildmächtig, dass Hollywood sogleich zuschlug. Wundervoll ist auch Oskars Schloss-Odyssee, die ihn zu den merkwürdigsten Charakteren führt und zu Geschichten, die so unwahrscheinlich sind, dass sie wahr sein könnten. Zunächst allein, dann in Begleitung des alten Mr. Black aus seinem eigenen Haus, durchstreift er New York und klingelt bei allen verfügbaren Blacks, in der Hoffnung, durch sie das magische Schloss zu finden. Am Ende wird er mit seinem Freund wieder vor einem leeren Sarg stehen, ausgegraben auf einem nächtlichen Friedhof, und etwas beerdigen, das nicht sein Vater ist, aber auch nicht nichts.

Foers Romane beziehen starken Witz daraus, dass sie von Sprachaußenseitern erzählt werden. Im Erstling ist das ein ukrainischer Zweitsprachenakrobat, hier ist es der Ausdrucksaufschnapper Oskar, der exzessiv Wendungen wie „raison d’être“, „gugolplex“ (für sehr oder viele), „Bleifüße“ (für deprimiert), „darüber weiß ich Bescheid“, „versteht sich von selbst“, „krass“ oder „hammerhart“ benutzt. Weil Oskar nicht nur eigentümlich spricht, sondern auch so denkt, ist das Buch voll von amüsant-absurden Dialogen. (Es kommt dem Buch übrigens sehr zugute, dass mit Henning Ahrens ein Übersetzer verpflichtet wurde, der selbst ein starker Autor ist.) Dennoch ist es kein lustiges Buch. Wenn Oskars Humor vor dem Vatertod ein überdrehtes Spiel war, wird es danach zu einem verzweifelt-manischen. Das ist eher rührend als amüsant. Zudem wird Oskar immer dann, wenn Foer die Manierismen überspannt und seinen Helden in eine krude Niedlichkeit treibt, zu einer selbstzweckhaften Kunstfigur. Die nervt dann eher, als dass sie anrührt. Ähnlich verhält es sich mit den Abbildungen: Sie sorgen stellenweise für eine intensive Verstärkung des Textes, manchmal sind sie Dekoration.

Gemeinsam haben Foers Bücher ferner, dass sie wohl arrangierte Collagen von verschiedenen Stimmen aus verschiedenen Zeiten sind. Die Briefform spielt dabei eine zentrale Rolle. Oskar schreibt Briefe an Menschen wie Kofi Annan oder Bill Gates. Nur Ringo Starr antwortet. Und der bewunderte Astrophysiker („Lieber Stephen Hawking, darf ich bitte Ihr Protegé sein? Dankeschön, Oskar Schell“). Vor allem aber ist Oskars Geschichte verwoben mit Briefen, die seine Großeltern an ihn, ihren Enkel, aber auch an ihren Sohn, seinen Vater, oder an sich selbst schreiben. Dabei betreibt Foer bewusst Verwirrung: Sind die Briefe fiktiv? Warum vermischen sich die Inhalts- und Zeitebenen so sehr, dass unklar wird, welcher Sohn gemeint ist? Der Ton ändert sich. Wir erfahren von Dresdens und Hiroshimas Auslöschung. Wie Oskars Großvater durch das Bombentrauma nicht nur seine Geliebte verliert, sondern auch seine Sprache, so dass er schließlich nur noch das auf seine Hände tätowierte Ja und Nein zur Verfügung hat. Seiten mit einem Satz darauf. Mit einem halben. Leere Seiten.

Wie in seinem Erstling denkt Foer auch im neuen Buch Generationen als familiären Prozess, der vorwärts wie rückwärts ablaufen muss. (Familiär sind auch, so verstanden, Foers literarische Anspielungen und Anleihen: Günter Grass, W.G. Sebald, Italo Calvino und viele andere mehr.) Hinter Foers Schreiben verbirgt sich der Traum, die Sprache an die Zeit zu koppeln, um diese durch jene rückgängig machen zu können. „Alles ist erleuchtet“ zeigte die optimistische Variante davon. „Extrem laut und unglaublich nah“ entwirft eine pessimistische. Der letzte Satz steht im Konjunktiv: „Und alles wäre gut gewesen.“

„Zeit heilt alle Wunden“, hat Foer einmal erklärt. „Aber was, wenn Zeit die Wunde ist?“

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Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 432 Seiten, 22.90 €. – Foer hat ein Libretto in sieben Teilen geschrieben – seven attempted escapes from silence . Uraufführung am 14. September in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, mit der Musik von sieben zeitgenössischen Komponisten. Am 16. September liest Foer in der Staatsoper.

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