Kultur : Die Zeit läuft im Kreis

Katharina Narbutovic

Über Workuta hängt eine Wolke von Kohlenstaub. Straßen, Pfützen und Luft sind schwarz gefärbt. Kohle ist das einzige, was es in dieser vor sich hinbröckelnden Stadt im Polarkreis im Überfluss gibt. Draußen bei den Schächten in der Tundra Gerippe von Fördertürmen, eingestürzte Baracken, Reste eines Todeslagers. Wo einst Hunderttausende namenloser Gefangener durch Zwangsarbeit umgebracht wurden, fördert man bis heute Kohle. Der Ukrainer Wassil, der seit 30 Jahren in Workuta lebt, nimmt von der Endzeitlandschaft schon nichts mehr wahr. Er schwärmt von den Jagdmöglichkeiten in der Gegend, vom Überfluss an Fischen, an Wild, Enten und Gänsen. Himmel und Hölle liegen in Sibirien nahe beieinander. Unberührte Natur und unermessliche Weite auf der einen, ein Archipel an Strafgefangenenlagern und ein Leben in den Trümmern des Kommunismus auf der anderen Seite - dies sind die Pole, an die man bei Sibirien denkt.

Die "scheinbare Leere" dazwischen ist "eine blanke Tafel, die man vollschreiben" kann. "Jahrhundertelang nährte Sibirien Gerüchte und Legenden, verkörperte es Ideale, weckte es Ängste" - und das ist bis heute so. Colin Thubron war Ende der neunziger Jahre fast ein halbes Jahr lang in Sibirien unterwegs, und mit seinem literarischen Reisebericht "Sibirien: Schlafende Erde - Erwachendes Land" füllt der britische Autor, der in seiner Heimat in einem Atemzug mit Bruce Chatwin und Paul Theroux genannt wird, die Leere mit Bildern und Geschichten.

Vom Ural bis zum Pazifik ist Colin Thubron gereist, und ob er mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren, getrampt oder mitten in der Nacht irgendwo in einem gottverlassenen Nest angekommen ist: Colin Thubron hat auf die Menschen vertraut, neugierig auf ihr Leben und ihre Geschichten. So hat er sich in Omsk einem Bus voll Babuschkas angeschlossen und sie auf ihrer Pilgerfahrt aufs Land begleitet, in Krasnojarsk hat er aufs Geratewohl einen Dampfer zum Eismeer bestiegen und ist in einem Fischerdorf gelandet, in dem arbeitslose Angehörige eines sibirischen Stamms dahinvegetieren, im Sajangebirge unweit der Mongolei hat er einen der letzten Schamanen getroffen und in Komsomolsk-na-Amure einen gewendeten KGB-Mitarbeiter kennengelernt, nun "Kaplan in der erstarkenden Baptistengemeinde".

Colin Thubron fügt Geschichten von Menschen, Beschreibungen einer karg-schönen Natur und Bemerkungen zur Geschichte Sibiriens zu einem dichten lebendigen Mosaik zusammen. Er begegnet Land und Menschen mit großem Wohlwollen und lässt nie "Balalaika-Sentimentalität" aufkommen. Entwurzelte sibirische Urvölker wie die Enzen oder die Jakuten trifft er ebenso wie russische Altgläubige, die ein puritanisches Leben wie vor hundert Jahren pflegen, buddhistische Mönche in Burjatien wie überdrehte Wissenschaftler im verarmten Forschungszentrum Akademgorodok, ein Penner im Gestrüpp hinter dem abgerissenen Haus, in dem die Zarenfamilie erschossen wurde, illusionslose junge Leute, die auf gepackten Koffern sitzen, Menschen auf der Suche nach Werten, Städte, entstellt von Großindustrie, wilde Gebirgslandschaften im Altai und Schwindelgefühle angesichts des majestätischen Jenissej.

Die Hauptfigur in Colin Thubrons Buch aber sind die Lager. Mit ihnen wurde Sibirien zum Inbegriff der Hölle auf Erden. Die Spuren der Strafgefangenen- und Todeslager sind noch da. Ob in Workuta oder Kolyma - immer wieder hat er Szenerien vorgefunden, die "keiner irgendwie versöhnten Vergangenheit anzugehören scheinen", ist er auf Reste von Lagern gestoßen, die man "einfach hatte verrotten lassen". Doch auf die Frage, warum "es von russischer Seite so wenig Empörung über den Gulag gab", warum "die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen wurden", ist schwer eine Antwort zu finden. Der Geologe Juri versucht es so: "Wir sind nicht so wie ihr im Westen. Vielleicht sind wir eher so, wie ihr vor ein paar hundert Jahren wart. Wir sind hier mit unserer Geschichte hintendran. Bei uns läuft die Zeit noch im Kreis. Vielleicht bewegen wir uns in einer Spirale ein klein wenig nach oben."

Vielleicht, so lautet das Fazit dieses beeindruckenden Reisebuchs, "war das Wesen Sibiriens die Wildnis, und die Anwesenheit von Menschen zerstörte es in ähnlicher Weise, wie in der Physik die Lichtteilchen durch den Akt der Beobachtung verändert werden."

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