Kultur : Die Zeit läuft

Schneller ist schöner: 5-Minuten-Produkte in den Berliner Kunst-Werken

Nicola Kuhn

Was kommt heraus, wenn eine Kunsthistorikerin mit zeitgenössischen Künstlern zusammenarbeitet und ihnen Aufgaben stellt, mit denen sich Maler und Bildhauer schon vor 600 Jahren herumgeschlagen haben? Eine originelle Ausstellung und jede Menge ordentlicher Kunst. Das Ergebnis dieses Experiments lässt sich in den Kunst-Werken besichtigen; das intellektuelle wie visuelle Vergnügen haben beide Seiten, Macher wie Betrachter. „5 Minutes later“ hat Susanne Pfeffer, die seit einem Jahr amtierende künstlerische Leiterin des Ausstellungshauses, ihre Schau überschrieben, ein understatement, denn in dieser kurzen Spanne kann ein ganzes Künstlerleben aufgehoben sein.

Exakt fünf Minuten Zeit hatte die Kuratorin den 15 eingeladenen Künstlern für die Herstellung eines neuen Werks gegeben und damit den seit Alberti währenden Streit zwischen disegno und pittura in die Gegenwart geholt. Schon Caspar David Friedrich schätzte die Zeichnung höher als das Gemälde ein, da sie für ihn alles Künftige enthielt. Und von Hokusai geht die schöne Geschichte, dass er einem über Jahre vertrösteten Auftraggeber innerhalb weniger Sekunden das gewünschte Werk zu Papier brachte. Um den dadurch noch erbosteren Sammler zu besänftigen, führte ihn der japanische Künstler in einen mit Büchern, Skizzen, Modellen angefüllten Nebenraum seines Ateliers. Die schnell hingeworfene Zeichnung erwies sich als Ergebnis jahrelanger Arbeit.

Meisterstücke mögen zwar weniger in den Kunst-Werken versammelt sein, aber Arbeiten, die allemal ein Nachdenken über den langen Weg eines künstlerischen Produkts lohnen. Zwar nahm mancher Teilnehmer die Aufforderung, nicht länger als fünf Minuten für die Herstellung zu gebrauchen, wie mit der Stechuhr allzu genau, aber die klare Zeitangabe hat vielen Werken eine poetische Klarheit und kühle Sinnlichkeit verliehen, die womöglich bei größerem Aufwand verloren gegangen wäre. So gehört zu den schönsten Arbeiten das Werk von Ceal Floyer, der Gewinnerin des 2007 verliehenen Preises der Neuen Nationalgalerie, die das Klee-Diktum „eine Linie spazieren führen“ mit ihrem Beitrag „Taking a Line for a 5 Minute Walk“ wörtlich nahm.

Die in Berlin lebende Britin machte sich mit einer Boden-Markierungsmaschine auf den Weg durch den White Cube, holperte die Treppe zum Hauptsaal herunter, eierte durch den leeren Saal und blieb nach exakt fünf Minuten an einer Wand kratzend stehen. Was als Malerei begann, endete als Skulptur und war letztlich Performance. Auf wenigen Metern und Minuten hat Floyer damit die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens zusammengefasst.

Floyers weiße Bodenlinie findet ihre Erwiderung im schwarzen Strich, den Douglas Gordon einer jungen Aufsichtskraft über fünf Minuten hinweg rund um den Nacken tätowieren ließ. „Around and about“ nannte er sein makabres Werk, das unwillkürlich an die tätowierte Linie Santiago Sierras denken lässt, der auf die gleiche Weise einer Reihe mexikanischer Arbeitsloser gegen Entgelt quer den Rücken markierte. Aus dem Skandalon von einst, der öffentlichen Vorführung des Prekariats, ist hier die leibhaftige Reflexion des Zeichnens, des genuinen künstlerischen Aktes geworden. Gordon befindet sich damit in bester Gesellschaft mit Robert Barry, der in schwarzen, auf die Wand geschriebenen Lettern den Besucher auffordert, „fünf Minuten über die unsichtbaren Aspekte der sichtbaren Kunst“ nachzudenken. Schwarz und Weiß – das sind die Hauptfarben dieser Ausstellung, denn offensichtlich lässt sich ebenso Konzeptkunst wie Zeit in Color nicht denken.

Einzige Ausnahme: Das von Thomas Demand ausgeschnittene „Don’t disturb“-Schild für eine Hotelzimmertür in Feuerrot. Der Meister der monatelang aus Papier rekonstruierten Interieurs, die anschließend fotografiert werden, hat mit diesem 5-Minuten-Werk die ganze Wirkmacht seiner Technik vorgeführt. Denn unweigerlich erscheint auch die reale Zimmertür papieren-künstlich; das Auge irrt zwischen Wirklichkeit und Adaption hin und her.

Der gleiche Effekt stellt sich bei Thomas Rentmeister ein, der ansonsten aus meist weißfarbenen Materialien minutiös aufgeschichtete Ensembles schafft. In den Kunst-Werken geht dieser Pedant genau umgekehrt ans Werk und pfeffert gigantische Mengen von Wattestäbchen, Servietten, Küchentüchern, Styroporflocken in einem Akt der Raserei kreuz und quer durch den Raum.

Jackson Pollock hätte seine Freude an ihm gehabt, denn Rentmeister bringt auf diese Weise Action Painting in die dritte Dimension. Auch damals wollte an den Wert der hingehauenen Kunst zunächst niemand glauben.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 9.3.

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