Kultur : Die Zeit und das Örtchen

Zombies und Zoten: Thomas Ostermeier ringt an der Berliner Schaubühne mit dem „Würgeengel“

Rüdiger Schaper

Das bleibt von diesem Abend. Wie Anne Tismer, ferngesteuertes Salonpüppchen, quer über die Bühne stakst und mit beleidigter hanseatischer Langeweile nölt: „Ich geh auf Toledde.“ Tja, Peter Brook philosophierte einst über den „leeren Raum“. Hier ist es rappelvoll. Ein Käfig voller Laffen samt ihrem weiblichen Anhang. Aber: Diese Frauen haben etwas, was die Kerle nicht haben. Vielleicht: Abgründiges. Ein Geheimnis. Manchmal auch: Erotik.

Also, das Klo ist immer besetzt. Die Toledde als running gag. Drogen, Durchfall, Übelkeit, Schlägereien. Toilettenpeiniger. Auf dem stillen Örtchen ist die Hölle los. Und die Toten kommen in den Wandschrank. Wenn sie denn wirklich gestorben sind.

Das bleibt nach dieser Produktion, die ebenso bizarr wie letztlich harmlos erscheint, vor allem. Eine Menge Fragen. Der Stoff geht zurück auf Luis Buñuels Horrorfilm „Der Würgeengel“ von 1962. Karst Woudstra, niederländischer Theatermacher, hat aus dem Panorama einer klaustrophilen, dem Wahnsinn anheim fallenden Bourgeoisie eine Theaterfassung fabriziert. Nicht, dass man sich nicht an (Kino–)Klassikern vergreifen soll. Man müsste nur wissen, wozu Buñuel geplündert und welches Kulturbürgertum gebasht wird, wo und zu welcher Zeit. Heute? In Berlin? (Es müsste dann wohl das Schaubühnen-Publikum sein ?!)

Wohnt hier überhaupt wer? Jan Pappelbaums Lounge in der Apsis der Schaubühne passt eher in ein Hotel als in eine Villa. Der Gastgeber (Wolf Aniol) ist Bundestagsabgeordneter, ein Liberaler mit masochistischen Neigungen, sein zackiger, schwuler Schwager (Kay Bartholomäus Schulze) Marineoffizier, der einen Bosnien-Einsatz hinter sich hat. Die ganze Gesellschaft kommt seltsam ernüchtert aus einer Verdi-Oper, einige Damen und Herren sind im Vorstand irgendwelcher Festspiele. Das hätte man gern genauer. Oder lieber gar nicht.

Regisseur Thomas Ostermeier geht mit seiner – pardon! – Gesellschaftskritik halt nur ein bisschen schwanger. Hält alles höchst allgemein. Die Andeutungen über Politik und Kultur stören nur, weil sie so vage, feige sind.

Das Schiff sinkt, und die Ratten können nicht weg. Wagen nicht, die Tür aufzureißen und zu verschwinden. So ist es bei Buñuel, und so ist es auch an der Schaubühne. Mit dem entscheidenden Manko, dass man sich über zwei Stunden lang fragt, welch schreckliche, übermenschliche Notwendigkeit diese Party-Tiere hier festhält. Einmal, recht früh schon, geht die Tür auf, und ein schwarzer Engel schaut herein. Schaut ziemlich verwirrt mit seiner schweren Flügellast und scheint zu fragen: Wo bitte geht’s zum Weihnachtsmarkt?

Ostermeier arbeitet mit stroboskopischem Licht und wummernden Herzschlagbässen, immer dann, wenn sich die Lage weiter verschärft. Und die Marionetten gehorchen. Dem Regisseur, aber nicht einer magischen Kraft. Ostermeiers „Würgeengel“ ist ein Theater, das sich keine technischen Fehler leistet, sich selbst aber auch nicht glauben kann. Der Irrsinn bricht auf Knopfdruck los. Paare fallen übereinander her; warum immer hinter dem Sofa? Geständnisse werden hervorgepresst, kaum dass eine Figur nicht anders könnte. Sondern weil das Stichwort gefallen ist. Gegen Ende vollführen alle ein mechanisches Ballett. Zombies: Was zum Teufel hat sie so werden lassen?

Die Frauen also. Sie haben, leidend, die Oberhand. Bei Linda Olsansky, der russischen Luxusnutte, bei Cristin König, der schwarzen Witwe, bei der schmerzhaft entrückten Jule Böwe, bei Jenny Schily, der Eleganten, in der die Männer nur die Domina ersehnen, ahnt man das Drama erwachsener Menschen. Jenseits von Geschwätz und Gegrapsche. Die einzig interessante männliche Figur spielt Lars Eidinger, der Party-Diener: Weil er, der Zuschauer, nicht weiß und auch nicht wissen will, was eigentlich abgeht.

Ostermeiers Schaubühne kokettiert mit einem Milieu, das nicht das ihre ist. Das einmal die Schaubühne war, in den Stücken von Botho Strauß. Der Einbruch des Übersinnlich-Mythischen in das ausgepolsterte Jetzt – das war das Thema im „Park“, in „Die Zeit und das Zimmer“, im „Schlusschor“. Die Farce wiederholt sich als falsche Tragödie.

Wieder am 5., 6. und 7. November .

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