Kultur : Die Zeit war auf seiner Seite

Zum Tod des Regisseurs Robert Wise

Frank Noack

„Wise“ bedeutet „klug“, und wenn es bei den 39 Filmen von Robert Wise eine Konstante gibt, dann ist es Klugheit – eine zurückhaltende, unaufdringliche Intelligenz, die daran Schuld ist, dass der Regisseur lange Zeit unterschätzt wurde. Auf ein Genre hat er sich nie festlegen lassen: Sein Werk umfasst Horror-, Kriegs-, Science-Fiction- und Boxerfilme, Melodramen und Musicals. Ein Thema hat er nie besetzen wollen, dafür wahrte er seine sachliche Haltung. Ein Film ist an dieser Haltung gescheitert: Dem Historienspektakel „Der Untergang von Troja“ (1955) hätte etwas mehr Kitsch, mehr Mut zum Ordinären gut getan. Wise bevorzugte Schwarz-Weiß und verzichtete bei Farbfilmen auf grelle Töne. Dabei nahm er in Kauf, dass ihm mehr Respekt als Begeisterung entgegengebracht wurde. Er war ohnehin nur aus Zufall beim Film gelandet.

Im Sommer 1933 sah sich der 19-Jährige aus finanziellen Gründen gezwungen, sein Journalistikstudium abzubrechen. Sein Bruder, Buchhalter bei der Filmgesellschaft RKO Radio, verschaffte ihm einen Job in Hollywood: Er sollte Filmrollen durch die Gegend schleppen. Bald stieg er zum Cutter auf, durfte Orson Welles’ „Citizen Kane“ (1941) schneiden, ab 1943 dann auch selbst inszenieren. Es entstanden mehrere Klassiker, die jedoch nicht mit seinem Namen assoziiert werden: „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ (1951) erlangte Kultstatus wegen der elektronischen Musik von Bernhard Herrmann; mit der Boxerbiografie „Eine Hand voll Dreck“ (1956) gelang Paul Newman der Durchbruch; „Lasst mich leben!“ (1958) war ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Todesstrafe, und brachte Susan Hayward einen Oscar ein. Wise selbst erhielt die Trophäe für die Blockbuster „West Side Story“ (1961) und „Meine Lieder, meine Träume“ (1965).

Das war sein Abstieg in den Ruhm. Die Industrie schätzte ihn als Handwerker, der Kasse und Kunst verbindet, doch nach den Kriterien der politique des auteurs war er ein Mann ohne Eigenschaften. Wer genauer hinsieht, wie Lars-Olav Beier in seinem Wise-Buch „Der unbestechliche Blick“, entdeckt unter anderem ein Gefühl für Zeitabläufe. Es war Robert Wise vergönnt, seine Wiederentdeckung zu erleben: Würdigungen in aller Welt verschafften ihm einen ereignisreichen Lebensabend. Auf dem Filmfest von San Sebastian sollte er mit einer umfassenden Retro geehrt werden. Nun ist Wise eine Woche nach seinem 91. Geburtstag an Herzversagen gestorben.

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