Kultur : Die zerrissene Sprache

Von Czernowitz nach Jerusalem: Aharon Appelfeld erzählt die Geschichte seines Lebens

Rolf Strube

Aus der Zeit seiner Einwanderung nach Palästina besitzt Aharon Appelfeld ein altes Tagebuch. Ihm, dem 14-jährigen Holocaust-Überlebenden, fiel es 1946, kurz vor der Gründung des Staates Israel, noch schwer, seinen Widerstand gegen die neue Alltagssprache Hebräisch zu überwinden. Sein Tagebuch dokumentiert diesen inneren Protest in einem von Satz zu Satz wechselnden Durcheinander deutscher, jiddischer, rumänischer und hebräischer Wörter. Deutsch, das seine Eltern als assimilierte Czernowitzer Juden mit ihm gesprochen hatten, war zur Sprache ihrer Mörder geworden, das Jiddisch seiner religiösen Großeltern zum Synonym für Exil und Ohnmacht. Für den jungen Einwanderer galt: Vergiss, was war, beteilige dich am Aufbau des Landes, beginne ein neues Leben.

Appelfeld ist acht Jahre alt, als er seine Eltern verliert. Seine Mutter wird unmittelbar nach dem Einmarsch deutscher und rumänischer Truppen erschossen, von seinem Vater wird er auf einem Todesmarsch der Deportierten getrennt. Aus dem Lager Auschwitz-Birkenau kann er nach einigen Monaten fliehen. Er überlebt den Krieg in den ukrainischen Wäldern. Im Winter verdingt er sich bei Bauern oder sucht Unterschlupf bei einer Dorfhure. Er überlebt, indem er ihnen – durch das Dienstmädchen seiner Eltern mit der ukrainischen Sprache vertraut – einen verwaisten Bauernjungen vorspielt. Aber die Angst, entlarvt zu werden, verlässt ihn nie.

Appelfeld, Schriftsteller und Professor für hebräische Literatur, gehört mit seinen Romanen über die Schicksale der Holocaust-Überlebenden zu den meistgelesenen Autoren Israels. Die hebräische Sprache hat sich als äußerst taugliches Instrument erwiesen, um den Bannkreis von Angst, Misstrauen und Redehemmung darzustellen, in dem viele seiner Romanfiguren eingeschlossen sind: wie die traumatisierten Geretteten in „Für alle Sünden“, die, nur zu minimalen Äußerungen fähig, an der italienischen Küste auf das Schiff warten, das sie nach Palästina bringen soll, oder wie Tzili, ein jüdisches Mädchen, das ähnlich wie der Autor selbst im Krieg eine beispiellose Odyssee erlebt.

Als Waisenkind habe er gelernt, zu schweigen und sich auf seine Beobachtungen zu verlassen, erklärt Appelfeld in seiner „Geschichte eines Lebens“ (Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005. 208 S., 17,90 €). Aus dieser Überlebensstrategie habe sich ein „Misstrauen gegenüber Wörtern“ erhalten, an dem auch seine langjährige literarische Tätigkeit nichts geändert habe. Die Fünfzigerjahre, in denen er anfing zu schreiben, brachten in Israel eine Flut von Augenzeugenberichten und Chroniken über den Holocaust hervor. Da er im Krieg zu jung war, um diese kanonisierten Formen mit Namen von Menschen und Orten zu bereichern, schlägt er andere Wege ein. Er stellt seine Erlebnisse und Erfahrungen in fiktive Zusammenhänge, behandelt sie mit dem Mitteln erzählerischer Distanz.

Die Urteile über diese frühen literarischen Versuche sind negativ, unnachgiebig vor allem darin, dass die Shoah jegliche Fiktion ausschließe. Erst Jahre später, als 1975 sein Roman „Badenheim 1939“ erscheint, ist die Offenheit da für einen Autor, dessen Wirkung auf seiner lapidaren und genauen Sprache beruht.

Den inneren Bann zu brechen, der auf seinen Kindheitserinnerungen liegt, gelingt Appelfeld erst, nachdem er sich entschlossen hat, Jiddisch zu studieren und sich mit chassidischen Legenden und der Kabbala zu beschäftigen. Er taucht ein in die dörfliche Welt seiner Großeltern, deren hölzerne Synagogen ihm als Kind westlich orientierter Juden fremd erschienen. Im Kreis seiner Lehrer Martin Buber und Gershom Scholem lernt er auch den Erzähler und späteren Nobelpreisträger Samuel Agnon kennen. Agnon komplettiert aus seiner umfassenden Kenntnis Galiziens und der Bukowina Appelfelds fragmentarisches Bild vom geistigen Leben und Umfeld seiner Vorfahren, gibt ihm einen Vorrat von Namen und Schicksalen aus dem Czernowitz mit, von dem Paul Celan gesagt hat, dass hier einst Bücher und Menschen lebten.

Die „Geschichte eines Lebens“, die jetzt pünktlich zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau erschienen ist, hat Appelfeld in einer Mischform erzählender und reflektierender Passagen geschrieben. Es gibt darin Erinnerungsbruchstücke, die in ihrem bildhaften Aufbau der Logik von Albträumen folgen – wie die Deportation der blinden Kinder aus dem Ghetto oder die letzten gemeinsamen Stunden mit dem Vater. Man ahnt, dass Appelfeld von solchen Erinnerungen spricht, wenn er sagt, es gebe immer wieder Momente, in denen er an allem zweifelt, was er je geschrieben hat. Als hätte er entscheidende Details vergessen, übersehen oder noch gar nicht in Worte gefasst.

Die offene, essayistische Form seines Buches belässt den Brüchen und Umwegen in seiner Biografie ihren Eigenwert, schlägt einen Bogen zu den Rissen, den ungleichen Voraussetzungen im kollektiven Gedächtnis der heute in Israel lebenden Generationen. Während des JomKippur-Kriegs hat Appelfeld als Dozent vor jungen Soldaten über seine zerstörte Kindheit gesprochen. Die Neugier seiner Zuhörer war groß, ihre Eltern, soweit sie Überlebende waren, hatten ihnen wenig oder gar nichts erzählt. Aharon Appelfeld zählt nicht zu denen, die geschwiegen haben – auch wenn sein Fazit lautet: „Wörter halten großen Katastrophen nicht stand.“

Aharon Appelfeld liest heute um 20 Uhr und spricht mit Imre Kertész im Berliner Literaturhaus (nur noch wenige Stehplätze). Am Donnerstag, den 3.2., stellt er sein Buch im Potsdamer Literaturladen Wist vor (Dortustr.17, Tel.: 0331/2800452).

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