Kultur : "Die zerstörte Stadt war meine Chance"

Michael Zajonz

Hilde Weström, 1912 als Tochter eines Bauingenieurs geboren, zählt zu den Pionierinnen der Architektur. Bis 1935 studierte sie an der TH Berlin-Charlottenburg unter anderem bei Heinrich Tessenow, dessen Ethik formaler Zurückhaltung auch ihre Architekturauffassung prägte. 1938 wurde sie diplomiert. Heirat und die Geburt von vier Kindern zwischen 1939 und 1945 sowie die Flucht aus Breslau zwangen sie, in Berlin noch mal ganz von vorne anzufangen. Doch was kann sich ein Architekt mehr wünschen als eine kaputte Stadt, die des Wiederaufbaus harrt. "Die zerstörte Stadt war meine Chance", stellt Hilde Weström im Rückblick nüchtern fest.

Unter diesem Titel zeigt eine Ausstellung des Verborgenen Museums im Berlin-Pavillon eine Auswahl aus Weströms Oeuvre. Formal unterscheiden sich ihre Entwürfe nicht wesentlich von denen Werner Düttmanns, dem jedoch ungleich repräsentativere Bauaufgaben zufielen. Die in Originalplänen, Fotos und Modellen präsentierten Projekte aus 25 Jahren entfalten ihre Qualität oft erst auf den zweiten Blick: Besonders in den städtischen Wohnhäusern wird Weströms architektonisches Denken, das immer vom Grundriss ausgeht, deutlich. Der strapazierte Begriff der "sozialen Architektur" wird hier einmal nachvollziehbar.

Wie keiner anderen Architektin ihrer Generation gelang es Hilde Weström, im Sozialen Wohnungsbau der 50er Jahre Standards zu setzen. Ausgangspunkt ist - wie schon bei Margarete Schütte-Lihotzky - die Küche: Sie entwickelt die als "Küchennorm" bekannte DIN 18022, die Mindestanforderungen für den Sozialen Wohnungsbau formuliert. Ihr Blick gilt jedoch der ganzen Wohnung, der "Technologie des richtigen Wohnens". Trotz manch zeitbedingter Einschränkung liegt die Stärke des Konzeptes in der Verbindung räumlich-funktionaler und emotionaler Aspekte.

Mustergültige Grundrisse waren freilich unter den Bedingungen des Sozialen Wohnungsbaus schwer zu schaffen. Nur innerhalb der idealen Versuchsanordnung der Interbau 1957 konnte Hilde Weström ihren Anspruch uneingeschränkt verwirklichen: "Für jeden Menschen, ob Mann, ob Frau, ob Kind, muss die Möglichkeit des Alleinseins, für alle die Möglichkeit des Zusammenseins in der Wohnung gewährleistet werden." Als Mitorganisatorin der Ausstellung "Die Stadt von Morgen" zeigte sie das "Superheim", eine 120 Quadratmeter große Musterwohnung für sechs Personen. Fließende Übergänge zwischen luftig möbliertem Wohnbereich und variabel abteilbaren Kompartimenten stehen für ein Lebensgefühl, dessen Zukunftsversprechen auch heute noch verführen kann.Hilde Weströms Entwürfe im Berlin-Pavillon bis 30. 4., Di-So 11-19 Uhr, Katalog 35 Mark

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