Kultur : Die Zeugen Jehovas: Ausstieg - das Ende der Freundschaft

Lars von Törne

Für Einkaufsbummler in den großen Fußgängerzonen sind die Zeugen Jehovas ein vertrauter Anblick. Mit ihren "Wachtturm"-Heften in der Hand stehen sie bescheiden vor Schaufenstern und Ladeneingängen, trotzen dem Wetter und verwickeln Passanten in Gespräche über Gott und die Welt. Nach außen hin macht die Religionsgemeinschaft einen Eindruck, der an Harmlosigkeit kaum zu überbieten ist. Im Inneren aber herrscht bei der international vernetzten und von New York aus gelenkten Gruppe, die nach eigenen Angaben in Deutschland 170 000 Mitglieder hat, offenbar ein strenges Regiment. Immer wieder ist zu hören, dass Aussteiger unter Druck gesetzt und sozial isoliert werden.

Dem Kirchenreferenten des Berliner Senats, Wolf-Dietrich Patermann, ist von Aussteigern wiederholt über ein Zwangssystem innerhalb der Gemeinschaft berichtet worden. "Grundsätzlich verlangt man Gehorsam gegenüber der theokratischen Führung", berichtet der Leiter der Abteilung für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. "Und wer nicht mitspielt oder kritische Fragen stellt, dem wird deutlich gemacht, dass dies nicht geschätzt wird." Wer sich trotzdem nicht unterordne, "der bekommt die Sanktion des Gemeinschaftsentzugs zu spüren." Das habe für die Abtrünnigen teils dramatische Folgen und reiche bis ins unmittelbare Privatleben hinein.

Wer wählt, wird ausgeschlossen

Patermann liegen Äußerungen von ehemaligen Zeugen Jehovas vor, deren soziale Kontakte nach ihrem Ausstieg sofort abgeschnitten wurden. So rief ein Mann kurz nach seinem Ausschluss bei den Zeugen Jehovas alte Freunde von sich an, um den Kontakt weiter zu pflegen, wie Patermann berichtet. Diese jedoch - ebenfalls Zeugen Jehovas - hätten inzwischen von seiner Entscheidung gehört: "Sie brachen den Kontakt mit ihm sofort ab."

In ihren Selbstdarstellungen bestätigt die Religionsgemeinschaft derartige Berichte indirekt. Zwar stehe jedem Mitglied die Entscheidung frei, die Gruppe wieder zu verlassen, heißt es auf der Internet-Homepage der Gemeinschaft. Aber dann halte die Gruppe sich auch "an das biblische Gebot, keinen Umgang mehr mit einer solchen Person zu haben." Um aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, reicht es aus, wenn ein Anhänger an einer Wahl teilnimmt. Denn die Wahrnehmung des Wahlrechts verstößt gegen die Bibelauslegung der Gemeinschaft, derzufolge "die himmlische Regierung zu ihrer Zeit die Lösung der heutigen Probleme bringt". Mitglieder, die sich dennoch an einer weltlichen Wahl beteiligen, tragen ein hohes Risiko: Sie entscheiden sich damit, "kein Mitglied der Religionsgemeinschaft mehr bleiben zu wollen", wie es in der Selbstdarstellung heißt. Für Wolf-Dietrich Patermann belegt das, dass die Gruppe "das konstitutive Demokratieprinzip ablehnt."

Beträchtlicher Prestigegewinn

Kritiker der Zeugen Jehovas befürchten, dass mit der möglichen Anerkennung als Körperschaft künftig neben steuerlichen und rechtlichen Vorteilen auch ein nicht zu unterschätzender Prestigegewinn verbunden wäre. "Die Gruppe würde aus der Sicht der meisten Bürger einen staatlichen Segen erhalten", sagt Patermann. Auch hätte sie die Möglichkeit, als freier Träger in der Jugend- und Sozialarbeit zugelassen zu werden - "dadurch könnte sie wesentlich mehr Einfluss auf die Gesellschaft nehmen als bisher". Es bestehe die Gefahr, dass der offizielle Titel "Körperschaft öffentlichen Rechts" für die meisten Menschen heiße: "Der Staat hat diese Institution für gut befunden." Dabei werde vergessen, sagt Patermann, "dass der Staat Religionsgemeinschaften gar nicht für gut oder schlecht befinden darf."

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