Kultur : Die Zielregel

Treffer und Nieten: der 53. Deutsche Filmpreis

Jan Schulz-Ojala

Den bemerkenswertesten Auftritt an diesem ansonsten eher an Merkwürdigkeiten überreichen Abend hatte, wer sonst, Ulrich Gregor. Seine pointierte Dankesrede für die Ehren-Lola des Jahres würzte der jahrzehntelange Forums-Chef der Berlinale mit einem Zitat von Pier Paolo Pasolini: „Filme für eine Elite zu drehen, ist nicht ein Risiko, sondern eine Pflicht. Die wahre Antidemokratie ist die Massenkultur; ein Autor ist also demokratisch, wenn er sich weigert, für die Massenkultur zu arbeiten, und wenn er sich ,absondert‘, indem er für Menschen aus Fleisch und Blut arbeitet.“

Mit den Eliten meinte Pasolini damals, 1970, jene „neuen Eliten, die sich in Europa in den vergangenen Jahren gebildet haben“, und Gregor zog nun mit dieser „persönlichen Maxime“ die Summe seines lebenslangen Film- und Arbeitsverständnisses. Und bekannte sich – erweiterter Kulturbegriff hin oder her – zu einem heute zuweilen unpopulären Grundprinzip kulturellen Schaffens überhaupt: dass es von seinem Wesen her nicht auf Masse, sondern auf Individuen zielt; dass es im Zweifel Minderheiten, nicht Mehrheiten im Blick hat. Und wenn es dabei mitunter selber zum Minderheitenprogramm wird, mag das Gefahr sein und ist doch Privileg zugleich.

Mit jenem flammenden Pasolini-Zitat hat Gregor ohne Absicht auch der Jury dieses 53. Deutschen Filmpreises das Urteil gesprochen. Denn dieses einem gewissen kulturellen Ehrgeiz doch verpflichtete Gremium belohnte mit den staatlichen Fördermillionen nur jene deutschen Filme, die die Massen-Charts ohnehin anführen und entschied sich gegen jene Werke, die dem ansonsten eher schwachen deutschen Kinojahr zumindest Konturen gegeben hatten. Oskar Roehlers Psycho-Drama „Der alte Affe Angst“ ging schon bei der Nominierung gegen seinen ungleich unwuchtigeren Berlinale-Rivalen „Lichter“ unter. Und bei der Endauswahl zog Eoin Moores mutiger, schmerzhafter Männergewaltfilm „Pigs Will Fly“ gegen Doris Dörries modisch-gefällige, aber wenig nachhaltige Beziehungskonstruktionskomödie „Nackt“ den Kürzeren.

Mit diesen beiden Fehlentscheidungen, da mag die letztere noch so sehr einem Kompromiss in letzter Minute geschuldet gewesen sein, hat die Jury in der neu entflammten Debatte um die Gründung einer Filmakademie auf den ersten Blick für nichts Geringeres als ihre Abschaffung plädiert. Denn das Gewagte außen vor lassen und statt dessen auf die Charts zu schielen – das können 500 oder 1000 Akademiemitglieder genau so gut.

Natürlich musste dies Jahr Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“ gewinnen, und die neun Lolas, sofern man die Publikumspreise mitzählt, sind dem Film vorbehaltlos zu gönnen. Hinter diesem Überflieger aber, der durchaus Klasse hat und die Massen begeistert, war Raum für das Besondere. Für Profil. Für Filme nicht über Pappmachéfiguren, sondern, wie Pasolini ergänzen würde, Menschen aus Fleisch und Blut. Für Filme auch, die verstören, wehtun, im Zweifel sogar klüger machen. Nichts davon hat diese Jury interessiert. Also weg mit der Jury? Im Gegenteil: An der so fühlbaren Lücke dies Jahr erkennen wir umso dringender, was der höchstdotierte deutsche Kulturpreis weiterhin braucht und weshalb ihn, in seinen so wertvollen Strukturen, keine Filmakademie der Welt ersetzen kann.

Alle Pannen, Katastrophen des Abends – und sie waren reichlich und dürften die Regisseure der Fernsehaufzeichnung vor schier unlösbare Aufgaben gestellt haben – verblassen hinter dieser filmpolitischen und filmästhetischen doppelten Fehlentscheidung. Natürlich schmerzt auch, dass Hannelore Elsner für ihr schönes, aber stets kontrolliertes Solo in „Mein letzter Film“ einen Preis bekam und Marie Bäumer, die sich in „Der alte Affe Angst“ das Herz aus dem Leibe spielte, nicht einmal nominiert war: Aber was, wenn ausgerechnet Corinna Harfouch den Lapsus vor dem Mikro sogleich für den eisigen Tadel nutzt, den nominierenden Schauspielern einer Filmakademie wäre sowas nicht passiert? Die großartige Schauspielerin Harfouch mag damit Recht haben – und doch rückt das Wissen darum, dass sie die Lebensgefährtin des einflussreichsten Akademiebefürworters Bernd Eichinger ist, ihr Plädoyer in ein eigentümliches Licht.

Vieles um den Deutschen Filmpreis, um dessen Zukunft seit Monaten gerungen wird, ist nur mehr Politik. Interessenpolitik auch, die unbedingt auf den juristischen Prüfstand gehört, wenn sie denn die Strukturen nachhaltig verändern sollte. Doch eines Tages, keine Sorge, werden wir wieder offenherzig ganz einfach über Filme reden.

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