Kultur : Die Zukunft ist weiblich

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Von Iring Fetscher

Am 17. Juli 1917 wurde sie alsMargarete Nielsen, Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin, in Graasten (Dänemark) geboren. Sie wuchs in Kiel auf und studierte in München und Heidelberg Medizin und Literaturwissenschaft. Durch ihre Begegnung mit Alexander Mitscherlich, den sie später heiratete, wurde sie schnell für die Psychoanalyse gewonnen und begann, gemeinsam mit ihrem Mann wissenschaftlich zu arbeiten.

Ähnlich wie Alexander Mitscherlich verstand auch sie die Psychoanalyse nicht nur als eine Methode zur Therapie psychisch Kranker. Margarete Mitscherlich dient sie auch zum Verständnis sozialer Pathologien wie des Nationalsozialismus und des Antisemitismus. In der von beiden Mitscherlichs gemeinsam verfassten Studie über „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967) wird das Verdrängen der Nazizeit durch die Deutschen während der Nachkriegsjahre mit Hilfe psychoanalytischer Kategorien so einfühlsam wie scharfsinnig aufgehellt und kritisiert.

In deutlicher Abgrenzung von der Freudianischen Orthodoxie begann Margarete Mitscherlich 1975 mit dem Artikel „Psychoanalyse und weibliche Sexualität“ die kritische Auseinandersetzung mit Freuds konservativem Frauenbild. Mitscherlich scheute sich nicht, Anregungen von heterodoxen Analytikerinnen wie Karen Horney aufzugreifen, um Freud zu korrigieren. In ihrem Buch „Die friedfertige Frau. Eine psychoanalystische Untersuchung zur Aggression der Geschlechter“ (1987) widerlegt sie sowohl das Klischee der von Natur aus friedlichen Frau als auch die Unterstellung einer allein durch die Biologie determinierten Weiblichkeit. Vielmehr wirken bei der Entwicklung männlicher wie weiblicher Individualität biologische Momente mit soziokulturellen Umweltbedingungen zusammen und sind entsprechend veränderbar.

Ohne Positionen der Frauenbewegung unkritisch zu übernehmen, hofft Margarete Mitscherlich, dass durch „die Stärkung der Position von Frauen in der Gesellschaft (...) die Herrschaft der mit einem rigiden zwanghaften, narzißtischen, gefühlsabwehrenden Über-Ich ausgestatteten Männer geschwächt“ wird. Die Frau muss – heißt es an anderer Stelle – das „seit altersher eingeschliffene Zusammenspiel männlicher Angriffs- und Zerstörungslust und weiblicher Unterwerfungs- und Opferungsfreude zu durchbrechen beginnen“. Nur auf diese Weise könnten eines Tages die „militärischen, sozialen und ökologischen Vernichtungspotentiale“ abgebaut werden.

Margarete Mitscherlich ist nicht nur eine kluge und innovative Theoretikerin, ihr psychoanalytisches Denken hat auch den soziokulturellen und politischen Wandel im Sinn. Bis heute ist sie therapeutisch tätig und bleibt so im Kontakt mit den Patientinnen und Patienten, an denen sie die Folgen der veränderten Lebensbedingungen unserer Konsum- und Spaßgesellschaft erfahren kann. Am heutigen Mittwoch feiert die Psychoanalytikerin und Frauenrechtlerin ihren 85.Geburtstag Als Ärztin und Forscherin in Frankfurt (Main) bleibt sie so hoffentlich noch viele erfüllte Jahre tätig.

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