Kultur : Die Zusammenkunft in der Philarmonie wirkt wie ein Wirbelwind

Isabel Herzfeld

Ein klug abgestimmtes, Tradition und Moderne differenziert reflektierendes Programm, ein origineller, seine Vorstellungen präzise mitteilender Dirigent und ein virtuoses, farbenreiches Orchester: die Zusammenkunft des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin mit Paavo Järvi in der Philharmonie berechtigte zu hohen Erwartungen. Doch irgendwie kam man nicht recht zusammen. Das Orchester präsentierte sich in schwankender Form, merklicher als sonst von den Spuren des Übergangs in die Ära Nagano gezeichnet. Das "Konzert für Orchester" von Zoltán Kodály, nach Art des barocken "Concerto grosso" die einzelnen Instrumentengruppen solistisch ausreizend, fördert noch die reizvollsten Momente zutage - etwa in den schillernden Mixturen wirbelnder Holzbläserläufe oder der zündenden Signalmotivik der fein-beweglichen Blechbläser. Zunehmend steigt die Spannung, die Bravos sind verdient.

Schwieriger sieht es bei Béla Bartóks Violinkonzert Nr. 2 aus, auch dies eine Partitur der äußersten Anforderungen. Die junge Solistin Leila Josefowicz, bereits mit den Lorbeeren eines Philips-Exklusiv-Vertrags bekränzt, macht insbesondere in der Angriffslust des Haupthemas zwar deutlich, dass sie über bemerkenswerte physische Energien verfügt. Doch auf Dauer kann sie diese vor allem klanglich nicht umsetzen. Da sich der Hochdruck nie entspannt, bleiben auch lyrische Partien blass, ohne beredten Charme. Besonders schmerzlich berührt dies am Schluss des langsamen Satzes, der liedhaft-melancholisch einen letzten Blick auf die klassisch-romantische Tradition wirft - die Heimat Europa, die Bartók 1939 verließ. In chevaleresker Zurückhaltung gegenüber der gegen den großen Klangapparat kämpfenden Geigerin bleibt der komplexe Orchesterpart häufig diffus, offenbart seine Ausdruckskraft nur an einigen Tutti-Stellen. Doch auch Beethovens "Fünfter", ein schöner Widerspruch zur Bartókschen Gebrochenheit, mangelt es an Geschlossenheit. Järvis Konzept ist klar: wie ein Wirbelwind fegt er in schnittigen Tempi durch das Werk, akzentuiert sein Pathos lässig-jugendlich. Doch nicht alle Musiker können ihm darin folgen: so sind im ruppigen Trio des "Allegro attacca" die tiefen Streicher den Violinen allemal überlegen, bleiben etliche Phrasierungen und Einsätze uneinheitlich. Peanuts angesichts der Unverwüstlichkeit dieser Musik? Wenn man dem Beifall glaubt, gewiss.

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