Kultur : Die zwei Arten von Menschenrecht

Berliner Gedenkfeier für Anna Politkowskaja

Doris Meierhenrich

„Der Westen kann alles, will aber nichts“, sagt Anna Politkowskaja mit ernstem Gesicht hinter der großen Brille, wie man sie in den vergangenen 13 Tagen oft auf Bildern hat sehen können. In den 13 Tagen seit der heimtückischen Erschießung vor ihrer Wohnung, nachmittags, in Moskau. Nun redet die Journalistin noch einmal schnörkellos über das, was sie antrieb: das Unrecht des „schmutzigen Kriegs“ in Tschetschenien, die Menschenrechte und Meinungsfreiheit, die sie dramatisch schwinden sieht, aber auch im Wegschauen des Westens. „Der Westen ist zynisch“, sagt sie, wenn er Geschäftsbeziehungen vor die Werte stellt, die er sich selbst gegeben hat: „Gibt es zwei Arten von Menschenrechten?“, fragt sie und schaut an der Kamera vorbei.

Politkowskaja, das zeigte dieser wenige Minuten dauernde Film von Andrej Nekrassow zu Beginn einer Gedenkveranstaltung für die ermordete Journalistin in der Berliner Akademie der Künste, verschonte niemanden. Dass sie in diesem Moment nicht von dem Zynismus des Kriegsherren Russland sprach, sondern vom Westen, geschah, weil sie vor deutschem Publikum redete. Krieg wie Politik verstand Politkowskaja nie als lokal begrenzt, sondern als etwas, das alle angeht.

Sehr viel eindringlicher als das Podiumsgespräch danach konzentrierten diese Einspielungen die ganze Entschlossenheit der Anna Politkowsakaja, und auch ihr Dilemma. Denn was sie mit ihren Reportagen einforderte – die Beseitigung des Unrechts – blieb zumeist aus. „Mut machend“ und agitativ sollte dagegen dieser Gedenkabend ausfallen, den Akademiepräsident Klaus Staeck zusammen mit dem deutschen P.E.N. veranstaltete. Neben der Unterschriftenaktion, die dem „Rechtsstaat“ Russland das Misstrauen ausspricht und eine unabhängige Untersuchungskommission zum Mordfall fordert, verbreiteten die sechs Diskutanten zum Thema „Mörderische Pressefreiheit“ dann allerdings zappendustere Hoffnungslosigkeit. Blass saß die tschetschenische Journalistin Mainat Abdullajewa am Rand und beschrieb, wie die russische Kriegspraxis im Kaukasus längst ins Zivilleben eingesickert ist. Auch sie schrieb über Korruption, wurde bedroht und lebt nun Dank eines P.E.N.-Stipendiums in Berlin. Dass der Mord je aufgeklärt wird, glaubt sie keinen Moment. Eher werde der ermittelnde Generalstaatsanwalt Politkowskajas beschlagnahmten Computer zur Ausbeutung genau der Quellen benutzen, die die Journalistin jahrelang vor ihm hütete. Auch Dirk Sager, langjähriger ZDF-Korrespondent, nun Vorstand bei „Reporter ohne Grenzen“ sieht die russische Pressefreiheit heute noch hinter die der Sowjetzeit zurückgefallen; damals blieben zumindest die Galionsfiguren der Opposition unbeschadet. Die Kaltschnäuzigkeit begreift auch der Philosoph Michail Ryklin als neue Grenzüberschreitung.

Eigentlich konnte man darüber staunen, wie sehr die Diskutanten das heutige Russland immer noch mit alten Sowjet-Maßstäben erklärten. Freimut Duve etwa, der ehemalige Medienexperte der OSZE, sieht nach wie vor mangelnde Demokratieerfahrung am Werk. Nicht einmal wurde dagegen der aggressive Einfluss amerikanischer Medien in den Neunzigern erwähnt, oder gefragt, wie Politkowskajas Mord in Russland selbst behandelt wird. Man war sich einig, dass diese Tat ein Produkt der autoritären „Putin-Zeit“ sei, so Sager. Ryklin zitierte das russische Verständnis von „souveräner Demokratie“ dazu, das so viel meint, wie „souverän definierte Demokratie“, wobei Souveränität vor Demokratie steht. Dies blieb der geistreiche Lichtmoment des Abends.

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