DIE ZWEI : „Wer den Lacher bekommt, hat immer Recht“

Dieter Hildebrandt wird heute 80. Ein Gespräch mit der Kabarettlegende – mit seinem Freund Werner Schneyder

Thomas Eckert,Joachim Huber

Herr Schneyder, was kann Dieter Hildebrandt besser als Sie?

WERNER SCHNEYDER: Er kann in wahnsinnig kurzer Zeit einen längeren Gedanken speichern und ihn sich denkend einprägen. Und ihn dann auch noch auf der Bühne perfekt bringen. Ich dagegen muss meinen Text auswendig können. Das muss der Hildebrandt nicht – er kann improvisieren.

DIETER HILDEBRANDT: Der Schneyder kann eine ganze Menge mehr als ich. Er versteht mehr vom Boxen, mehr von Ordnung und mehr von Disziplin. Und ich wäre nie so mutig, eine Operette zu inszenieren. Der Schneyder macht so was einfach.

War es schwierig, mit Dieter Hildebrandt zusammenzuarbeiten?

SCHNEYDER: Überhaupt nicht. Weil er sich auf mein austriakisches Preußentum eingelassen und von seinem Balkanwesen nicht allzu viel Gebrauch gemacht hat. Dieter Hildebrandt ist zwar von Natur aus ein Schlamper. Aber irgendwann hat er den Reiz eines geordneten Manuskriptes entdeckt und es ganz schön gefunden, immer alles dabei zu haben, was man so braucht. Das hat ihn nicht an Rückfällen gehindert. Einmal hatte er die schwarzen Socken zum Smoking vergessen und ist mit orangenen Wollstrümpfen aufgetreten. Textlich war er aber immer sehr präzise, dass Sie da jetzt nicht auf falsche Gedanken kommen.

HILDEBRANDT: Schneyder sah immer mit äußerstem Missfallen, wie ich meine Manuskripte behandelte. Er kam mit einem ordentlich gelochten, in einem Leitzordner abgehefteten Text, den er auf den Tisch legte und musste zusehen, wie ich mit meinen Blättern nicht zurechtkam. Aber ich wollte nicht einsehen, warum ich das ändern sollte, nur weil der Schneyder jetzt da war. Hin und wieder habe ich mir, um ihm zu zeigen, dass ich mich bemühte, auch einen Ordner zugelegt. Das sah Schneyder dann mit größtem Wohlwollen. Weil er glaubte, ich hätte endlich mein Leben geändert.

Haben Sie sich gegenseitig in die Texte gepfuscht?

HILDEBRANDT: Das ist eine Methode, die ich auch Politikern sehr ans Herz legen würde. Sie fördert den Respekt vor dem anderen Text. Und das wiederum fördert die Kompromissbereitschaft. Und Toleranz bedingt Intelligenz.

SCHNEYDER: Jeder hat in die Texte des anderen hineinschreiben können. Und ich darf sagen, dass mein Textanteil größer war als seiner. Das hat Hildebrandt bereits zugegeben.

HILDEBRANDT: Ich war nach 17 Jahren bei der Lach- und Schieß-Gesellschaft textlich ein wenig ermattet. Und Schneyder hatte jede Menge fertiger Texte in der Schublade, für die er bis dahin keine Verwendung hatte. Es waren einige sehr gute darunter. Warum hätte ich mir die Mühe machen sollen, Texte zu schreiben, wenn schon genug da waren?

Herr Schneyder, hat Sie die berühmte Hildebrandtsche Stottertechnik nicht irre gemacht?

SCHNEYDER: Er hat sich die Hänger selbst in die Manuskripte geschrieben. Da stehen dann drei Punkte und ein Gedankenstrich.

HILDEBRANDT: Das ist unwahr, mein lieber Schneyder. Das waren keine Stotterer, sondern Unterbrecher. Ich habe diese Technik nur in meinen Soli verwendet, um Umwege machen zu können. Die Komik kommt oft aus Umwegen.

SCHNEYDER: Ich war der Weißclown, der Schöne, der Blasierte, der versucht, den anderen zu quälen. Er war der August, der am Ende die Oberhand behält.

HILDEBRANDT: Stimmt. Wenn auch nicht ganz. Schneyder hatte die Eleganz und die Eloquenz, ich das Unterbrechen und das Fragen. Meine Rolle war die des dummen Fragers, der sich dumm stellt. Wer sich dumm stellt, bekommt meistens den Lacher. Und wer den Lacher bekommt, hat im Kabarett immer recht.

HILDEBRANDT: Schneyder hat alles durch seine fabelhafte Chansontechnik ausgebügelt. Wer ein Solo singt, dem kann nicht reingeredet werden. Wer singt, hat immer recht.

Herr Schneyder, was zeichnet Hildebrandt aus, abgesehen von seinem Chaotentum?

Dass er ein unverrückbares Weltbild hat, das Konjunkturen nicht kennt. Dass er ist ein Sportsmann ist, von Grund auf fair. Und ein absolut kollegialer Mensch.

Seine schlechten Seiten?

SCHNEYDER: Ich kann mir vorstellen, dass es richtig krachen kann, wenn man fundamental andere Ansichten vertritt als er. Wir beide haben uns nur ein einziges Mal gestritten.

HILDEBRANDT: Es ist ein Vorurteil, dass man sich irrsinnig in die Wolle kriegen muss, um zu einem guten Ergebnis zu kommen. Wir haben einfach um die Möglichkeiten, sich zu streiten, herum gelebt.

Ist Dieter Hildebrandt eine Mimose?

SCHNEYDER: Er ist ein Indianer. Er frisst alles in sich hinein, während ich mich aufrege oder öffentlich wehleidig werde. Vor Premieren saß Dieter Hildebrandt so reglos da, dass ich dachte, er wäre eingefroren. Ich bin auf und ab gerast. Nervös waren wir beide, aber auf völlig verschiedene Arten.

Herr Schneyder, wie haben Sie Dieter Hildebrandt erlebt: als Großdeutschen, als Kleindeutschen, Süd- oder Westdeutschen?

SCHNEYDER: Als Österreicher. Er kommt ja ursprünglich aus Schlesien. Und Schlesien, das wissen Sie sicher, gehört ja zu uns. Kurzum: wir sind beide Deutsch sprechende Europäer.

Finden Sie es nicht erstaunlich, in welch brillanter Form dieser Mann ist, der heute achtzig wird?

SCHNEYDER: Ich bin auf das Allerangenehmste berührt, wie konzentriert er ist, wie bissig und bös. Wunderbar. Wozu wird man denn alt, wenn nicht, um frei zu sein? Wenn man sich in achtzig Jahren nicht die Freiheit erwirbt, wann dann?

Sind Sie ein freier Mann, Herr Hildebrandt?

HILDEBRANDT: Frei ist man, wenn man will, was man soll. Ich möchte nicht, dass das, was ich sage, im Widerspruch zu dem steht, wie ich lebe und wie ich denke.

Sie müssen doch auf niemanden Rücksicht mehr nehmen.

HILDEBRANDT: Das tue ich auch nicht. Aber ich bitte Sie zu bedenken, dass es die absolute Freiheit in keinem Beruf gibt. Nicht mal in dem Ihren. Man muss fair bleiben. Das gilt nur für diejenigen nicht, die sich ihre Pointen nicht von der Wirklichkeit kaputt machen lassen wollen.

Herr Schneyder, ist Dieter Hildebrandt ein Vorbild für Sie?

Aber ja. Wie Giuseppe Verdi. Verdi war über achtzig, als er seine schönste Oper, „Falstaff“, schrieb. Daran klammere ich mich. Wenn man mit 80 noch so etwas schaffen kann, dann kommt vielleicht auch von mir noch mal was Ordentliches.

Was wünschen Sie Ihrem Freund Dieter Hildebrandt zu seinem 80. Geburtstag?

SCHNEYDER: Sie werden lachen, das Kleinbürgerlichste, was man sich vorstellen kann: Dass er gesund bleibt. Und dass er die Wut nicht verliert.

Herr Hildebrandt, wie viel von dem, was Werner Schneyder über Sie gesagt hat, dürfen wir glauben?

HILDEBRANDT: Ich kann Ihnen nur zuraten, alles zu glauben. Was Werner Schneyder sagt, grenzt an Wahrheit – meistens jedenfalls.

Freuen Sie sich auf Ihren 80. Geburtstag?

HILDEBRANDT: Es überrascht mich ganz gewaltig, dass ich schon 80 bin. Seit meinem Sechzigsten habe ich das Gefühl, die Zeit rast. Es wird immer viel zu früh dunkel und ich habe immer noch nichts Übermenschliches geleistet. Keine Bibel übersetzt, keine Regale voll geschrieben und immer noch nicht das geschafft, was ich vorhatte. Viel kommt da nicht zusammen. Jedenfalls nicht, wenn man Kabarett macht.

Sie haben immerhin ein Buch geschrieben.

HILDEBRANDT: Deren fünfe. Mit dem letzten bin ich drei Jahre lang durch die ganze Republik getourt. Das hat richtig Spaß gemacht.

Und, jede Menge Groupies?

HILDEBRANDT: Die sterben mir inzwischen leider unter den Händen weg.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Denn sie müssen nicht, was sie tun“, hieß 1956 das erste Programm der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, deren Mitbegründer Dieter Hildebrandt war. Am 23. Mai 1927 in Schlesien geboren, wurde er mit seinen Fernsehserien „Notizen aus der Provinz“ und „Scheibenwischer“ zum politischen Kabarettisten in Deutschland schlechthin. Als Schauspieler wirkte er u. a. in „Kir Royal“ mit.

Seit 1974 arbeitet Dieter Hildebrandt auf der Bühne Kabarett mit seinem Freund Werner Schneyder zusammen. Der Österreicher, geb. 1937, ist als Autor, Sänger, Schauspieler und Sportmoderator bekannt geworden. Sein Spezialgebiet ist das Boxen.

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