Kultur : "Die zweite Schöpfung": Gute Gene, böse Gene

Hartmut Wewetzer

Stefan von Holtzbrinck, Geschäftsführer des Wissenschaftsmagazins "Nature", konnte gleich zu Beginn des Abends mit einer Überraschung aufwarten. Am 1. Februar 2001 wird das Genom des Menschen in "Nature" veröffentlicht werden - jedenfalls große Teile davon. "Die Wissenschaftler, die an dem Projekt arbeiten, sind begeistert über die Fortschritte", berichtete von Holtzbrinck. Mit den Konsequenzen dieses Großvorhabens der Biologie beschäftigte sich das Symposium "Die zweite Schöpfung, Chancen und Risiken der Entschlüsselung des Humangenoms" im ZDF-Hauptstadtstudio. Anlass war die Verleihung des Georg-von-Holtzbrinck-Preises für Wissenschaftsjournalismus an Thorwald Ewe von der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft".

Was blüht uns mit dem Genom? Nichts Gutes, meint das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte". Es hatte für die Veranstaltung einen Filmbeitrag produziert. Dieser suggerierte eine düstere Zukunft und witterte Kommerz und Menschenzucht. Untermalt von Bildern aus der sterilen Welt der Genlabors und aus Science-Fiction-Filmen entwarfen Wissenschaftskritiker wie der Publizist Rüdiger Safranski und der Philosoph Jean Baudrillard eine Welt, in der menschliche Eigenschaften in einem Bio-Supermarkt eingekauft werden. Die Menschen von morgen verdanken sich dem Gen-Baukasten.

Der Filmbeitrag, so einseitig und klischeehaft er sein mochte, gab die Tonart vor, nach der sich der Rest des Abends richtete. Selbst im nachfolgenden Beitrag des Berliner Genforschers André Rosenthal, Geschäftsführer der Biotechnik-Firma Metagen, überwog ein pessimistischer Unterton. Rosenthal beschwor die gewaltigen, noch gar nicht absehbaren Konsequenzen der Genom-Entschlüsselung für die Gesellschaft. "Nichts wird unser Leben in Zukunft mehr verändern als dieses Projekt." Das war wohl als Verheißung gemeint und klang doch eher drohend. Wer will schon gern sein Leben geändert sehen, und dann auch noch von geschäftigen Biotechnikern, die ungefragt im Erbgut herumschnüffeln!

Rosenthal erhofft sich Fortschritte für das Erkennen und Behandeln von Krankheiten. Er erinnerte aber auch an die unterschätzte Komplexität biologischer Abläufe. So gibt es für jedes Erbmerkmal nicht etwa nur eine, sondern mitunter mehrere Lesarten - aus einigen zehntausend genetischen Bauanleitungen werden so rund eine Million verschiedene Proteine kreiert. Sie verteilen sich in jedem Menschen auf mehrere Hundert Zellarten und Billionen von Zellen.

Der Chemiker prophezeit, dass das Sozialsystem zusammenbrechen wird, weil wir in Zukunft immer älter werden. Als größere Gefahr sieht er aber, dass Menschen wegen ihrer Gene diskriminiert und in gute oder schlechte Risikogruppen eingeteilt werden könnten. "Ich fürchte eine neue Welle schleichender Eugenik", sagte Rosenthal, der an die antisemitischen Ausschreitungen des 9. November 1938 erinnerte und an das Publikum appellierte, sich gegen jede Art genetischer Ausgrenzung zu stellen.

Der katholische Moraltheologe Dietmar Mieth von der Universität Tübingen, als Widerpart Rosenthals eingeladen, wurde noch deutlicher. Mieth ging hart mit James Watson, dem Entdecker der DNS-Doppelhelix, ins Gericht. Watson hatte in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine" gefordert, das Töten erbkranker Föten gesetzlich nicht zu verbieten. Für Mieth spricht aus Watsons Ansichten eine "Ethik des Grauens" - vielleicht auch deshalb, weil Watson ausdrücklich den Glauben an Gott in Gegensatz zur Evolution stellt. Für Watson ist Leben durch einen evolutionären Prozess entstanden, der den Prinzipien der natürlichen Auslese folgt. "Ein klares eugenisches Bekenntnis", kommentierte der Theologe, der sein eigenes Credo dagegensetzte: "Ich glaube an das ewige Leben aus Gottes Hand."

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