Kultur : Die Zwischenweltler

Ein Nest für Talente: In Slowenien wächst eine junge, aufregende Dichtergeneration heran. Jetzt kommt sie in die Literaturwerkstatt

Gregor Dotzauer

Den westeuropäischen Blick auf Slowenien kann man sich vorstellen wie durch ein umgedrehtes Fernrohr. Und wer ihn von einer Drei-Millionen-Stadt wie Berlin auf das Zwei-Millionen-Land richtet, wird alles so unendlich fern und winzig finden, dass im Länderkreuz von Österreich, Ungarn, Kroatien und Italien fast nichts auszumachen ist. Wer aber durch dasselbe Fernrohr von Ljubljana aus über die Landesgrenzen schaut, dem wird alles Deutsche, Kroatische und Serbische näher rücken. Und zwar auf eine Weise, die sich weder durch Jahrhunderte habsburgischer Herrschaft noch durch die jugoslawische Episode restlos erklärt. Die Slowenen waren seit jeher offener, auf fremde Sprachen begieriger, aber auch eigensinniger als alle, die mit ihnen zu tun hatten. Und so sehr der bevorstehende EU-Beitritt nur existierende ökonomische Verhältnisse bestätigt (70 Prozent des Außenhandels entfallen schon auf die EU), so wenig hält – vom historischen Sonderfall Kärnten abgesehen – der kulturelle Export damit Schritt.

Slowenien ist ein Land der Dichter. Nicht irgendwelcher, sondern solcher von weltliterarischem Format. Der Besuch des dreitägigen Festivals „Die Heimat Sprache“ in der Literaturwerkstatt wird davon einen Eindruck bekommen können. Spätestens dort wird man auch auf Aleš Šteger treffen, der zusammen mit Aleš Debeljak und Uroš Zupan zu den wichtigsten Stimmen der jüngeren Lyrikergeneration gehört. Der 30-jährige Šteger, der auch bei der Programmauswahl geholfen hat, findet die Menge an dichterischem Talent denn auch gar nicht so erstaunlich. Einerseits, sagt er in glänzendem Deutsch, sei es ja „fast ein Wunder, dass die slowenische Sprache am Leben geblieben ist.“ Andererseits war in diesem Land des ewigen Dazwischen „die Sprache immer Hauptkulturträger“. Von daher habe die Literatur zwangsläufig eine zentrale Rolle gespielt.

Slowenien, erklärt er, Kind einer Übergangsgeneration zwischen einer balkanischen und einer westeuropäischen Ausrichtung Sloweniens, habe stets zwei dichterische Strömungen hervorgebracht: eine romantische und eine avantgardistische. Für die erste steht vor allem France Prešeren, den Begründer einer ureigenen slowenischen Literatursprache zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ein Nationalheld, der einen Teil seiner Dichtungen auch auf deutsch schrieb. Für die zweite steht vor allem der jung gestorbene Srecko Kosovel (1904- 1926), eine Art Rimbaud, den schon Herwarth Walden in seiner Slowenien-Nummer des „Sturm“ herausstellte. Steger selbst ist über solche Alternativen längst hinaus.

Als Herausgeber einer Theorie-Reihe im Verlag Beletrina (mit Texten von Jean Baudrillard, Paul Virilio und Donna Harraway) ist er vielleicht ein Postmodernist. In seinen oft sehr prosanahen Reise-, Alltags- und Liebesgedichten ist er eher ein stiller Magiker, umgeben von Geheimnissen, an die kein noch so raffinierter Intellekt zu rühren vermag. „Du bist mit leeren Händen ausgegangen“, beginnt etwa „Die Nuss“. Hältst nichts in ihnen außer einer Nuss./ Erst drückst du und umschließt du sie wie einen Zauber,/ Dann drückt es dich und du weißt, du musst/ mit der Antwort den Zauberer töten, um am Leben zu bleiben./ In der Nuss ist ein Kern, aber der Kern kümmert dich nicht,/ Du brauchst die Lösung, die innen an der Schale steht./ Die Not drückt, daher drückst du die Faust und knackst die Nuss./ Die Nuss verstummt, die gebrochenen Zeichen werden unverständlich/ Und die Antwort auf das Orakel. Durch den Knacks schlüpfst du ins Innere/ Und isst den Kern. Du höhlst dir Platz aus. Du wirst der Kern/ Und der Kern wird Du. Das Du hockt darin und wartet,/ Dass die Schale wieder zuwächst.

Für solche Texte gibt es natürlich slowenische Inspirationen, die von Kosovel über die Jahrhundertgestalt Edvard Kocbek bis zu dem 1929 geborenen Dane Zajc reichen, den Steger ebenfalls für Berlin empfohlen hat. (Im Herbst erscheint bei Klett-Cotta Zajcs Band „Hinter den Übergängen“ mit einem Nachwort von ihm.) Wichtiger aber noch sind die internationalen – auch wenn sie Štegers Welt ganz unterschiedlich geprägt haben. Die Nähe zu Gottfried Benn ist für ihn genauso wichtig wie die zu Wallace Stevens oder César Vallejo, auf dessen Spuren er einen Prosaband mit dem Titel „Peru – Januar in der Mitte des Sommers“ geschrieben hat. In deutscher Sprache gibt es – übersetzt von Gerhard Falkner – bisher freilich nur ein einziges Buch von Aleš Šteger, die Gedichtsammlung „Kaschmir“ in Franz Hammerbachers fabelhafter „Edition Korrespondenzen“, der zurzeit aufregendsten Reihe mit Dichtung aus Mitteleuropa.

„Jede Sprache eröffnet ein besonderes taktiles Gefühl für die Welt“, sagt Šteger. „In jeder ist die Realität ein bisschen verrenkt.“ Und wenn man sich das Slowenische betrachtet, eine Sprache, die „weniger aufs Analytische als aufs Synthetische aus“ sei, kann man sich das vorstellen. Bei sechs Fällen und einem doppelten Plural, dem Dual, lassen sich Dinge sagen, die sich nicht verlustlos in andere Sprachen übertragen lassen. Wie will man im Deutschen den Konjugationssprung darstellen, der bei der Erweiterung von zwei auf drei oder mehr Sprecher das Verb erfasst? Das Wir eines Paares ist ein anderes als das einer Gruppe oder Menschenmenge. Boris A. Novak hat aus dieser grammatischen Besonderheit den Schluss gezogen, dass das Slowenische vor allem für die Intimität von Liebeslyrik geeignet sei. Aleš Šteger dagegen betont, dass der Dual bei Dane Zajc „etwas Verfremdendes, Unheimliches“ zeigen wolle: Überhaupt „haben wir Slowenen schon auch unsere dunklen Seiten“.

Die Spuren der slowenischen Literatur im deutschen Sprachraum sind durch Übersetzungen reichhaltiger, als man denkt – und lückenhafter. Die Gedichte von Tomaž Šalamun, einem älteren Wilden, der einst bei S. Fischer seine eruptive, stark bildhafte Lyrik vorstellte, dürften halb vergessen sein. Um so besser, dass der international meist übersetzte Slowene im Sommer auf Einladung des DAAD für ein Jahr nach Berlin kommt. Bei Gregor Strniša (1930-1987) könnte man sich damit entschuldigen, dass seine lyrisch-mythologischen Experimente unübersetzbar seien.

Im Fall des 1928 in Basel als Sohn eines Slowenen und einer Deutschen geborenen Erzählers Lojze Kovacic´ gilt derlei allerdings nicht. Kovacic´s Romantrilogie „Die Zugereisten“ wurde in einer Umfrage unter slowenischen Kritikern im Jahr 2000 fast einhellig zum bedeutendsten Prosawerk des vergangenen Jahrhunderts gewählt und gehört in seiner Spiegelung kultureller Brüche zu den kanonischen Werken aus Mitteleuropa. Es sei, sagt Aleš Šteger, einfach unverständlich, dass er als wichtigster Nachkriegsprosaist immer übersehen worden sei. Nun soll im Herbst beim Klagenfurter Drava Verlag ein Teil dieses Opus magnum erscheinen. Am Montag kann man Kovacic´ in Berlin zusammen mit Drago Jancar erleben, dem international umtriebigsten Schriftsteller und Bürgerrechtler Sloweniens, der das Land des sanften Kommunismus auch von seiner unsanften Seite kennengelernt hat.

„Wohin du auch gehen wirst“, hat Šteger in seinem Gedicht „Die Reise“ geschrieben, „Wo immer dein Schatten sich mit den Schatten anderer mischt,/ Wisse, dass du dahin, wo ich auf dich warte, nicht mehr zurückkehrst,/ Und dass der, der auf dich wartet, nicht mehr ich bin.“ Das war sicher rein persönlich gemeint. Lesen kann man es auch als Auskunft über ein Land in Bewegung.

Das dreitägige Programm „Die Heimat Sprache - Literatur aus Slowenien“ in der Literaturwerkstatt beginnt Montagabend um 20 Uhr mit den Gästen Drago Jancar und Lojze Kovacic´. Am Dienstag lesen Dane Zajc und Aleš Steger. Am Mittwoch treten Nina Kokelj und Maja Novak auf. Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org

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