Kultur : Die zwölf Ehefrauen des Botanikers

Erbschaft eines zerfallenden Imperiums: „Moskauer Konzeptualismus“ im Berliner Kupferstichkabinett

Ulrich Clewing

Der Naturforscher Iwan Wladimirowitsch Mitschurin war schon zur Zarenzeit ein bekannter Mann. Ein Mythos jedoch wurde „Großväterchen“ Mitschurin unter Stalin. Seine Untersuchungen über Äpfel, Birnen und anderes Obst und Gemüse mochten seltsam erscheinen, seine moralische Lebensführung aber war vorbildlich. Außerdem ließ sich der Alte stets bereitwillig mit allen möglichen „Pionieren“ und „Kindern der Oktoberrevolution“ fotografieren. Da war es nur von nachrangiger Bedeutung, dass der Botaniker im Lauf seines Lebens auf mehr Ehefrauen kam als eine ganze Herrscherdynastie.

Igor Makarewitsch und Elena Elagina haben den zwölf Frauen des Ivan Mitschurin eine Hommage gewidmet, eine Art Wand-Altar, bestehend aus einem Dutzend Porträts und einer etwas ungelenken wissenschaftlichen Dokumentation, die jeder der Angetrauten ein bestimmtes Gewächs zuordnet. Humor, von dadaistischem Nonsense über feinsinnige Ironie bis hin zu Insiderwitzen und derben Scherzen, kennzeichnet auch die übrigen Werke, die in der Ausstellung „Moskauer Konzeptualismus“ im Kupferstichkabinett zu sehen sind.

Anlass der Schau ist die Schenkung von zwei Privatsammlungen an die Staatlichen Museen. Vor kurzem haben der Berliner Künstler und Publizist Haralampi G. Oroschakoff und der in Köln lebende Verleger Vadim Zakharow die Verträge unterzeichnet, nun hat das Kupferstichkabinett unversehens ein Konvolut mehr: über fünfzig Arbeiten von Moskauer Künstlern wie Juri Albert, Sergej Anufriew und – vielleicht als bekanntestem – Andrej Monastyrski, die man als Gegenpol und östliche Ergänzung zur freilich sehr viel umfangreicheren und gewichtigeren Sammlung Marzona mit westeuropäischer und amerikanischer Konzept-Kunst verstehen kann.

Der Moskauer Konzeptualismus entstand Anfang der Siebzigerjahre und fand in Ilja Kabakow seinen wichtigsten Vertreter. In der Ausstellung wird deutlich, dass ihn einiges mit der westlichen Konzept-Kunst verbindet (das Aktionistische, der intellektuelle Hintergrund, das literarische Element), aber noch mehr davon trennt. Im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen haben die Moskauer Konzeptualisten einen Hang zum Sarkasmus, zum Grotesken und Kryptischen.

Pavel Peppersteins „Zwei Lenins“, Elena Elaginas Zeichnung einer Küchenschabe („Schmarotzer“) aus dem bewegten Jahr 1989 oder Nikita Alexejews Malewitsch-Parodie „Leben und Sterben des Schwarzen Quadrats“ zeigen die spezifisch russische Beschäftigung mit Tradition und Legendenbildung in Politik und Kunst. Daneben hängen Arbeiten, die eher der gewohnten Vorstellung von Gedankenkunst entsprechen, zum Beispiel Andrej Filippows Bild-Text-Collagen mit Landschaftsfotos und Worten wie „Verbindung“ oder „Text“. Doch auch für sie gilt: Es sind Mitteilungen aus einem zerfallenden Imperium.

Kupferstichkabinett, bis 18. April, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Katalog 34 €.

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