Kohl: „Nicht Freiheit schafft Instabilität, sondern deren Unterdrückung.“

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Diebstahl der Mauerkreuze : Mauerfall 2014?
Tobias Bütow
Leer zeigen sich die Halterungen für die Gedenkkreuze der Mauertoten neben dem Reichstagsgebäude an der Spree in Berlin.
Leer zeigten sich die Halterungen für die Gedenkkreuze der Mauertoten neben dem Reichstagsgebäude an der Spree in Berlin.Foto: dpa

Wurden die Mauerfall-Kinder möglicherweise nicht nur von der Wende, der Wiedervereinigung und dem World-Wide-Web geprägt, sondern auch von den Gewaltexzessen der 90er Jahre in Bosnien und Ruanda, bei denen die Staatengemeinschaft versagte? Vielleicht gehen ihnen die Gesichter der Flüchtlinge, die Bilder der Katastrophen von Lampedusa und anderswo weniger aus dem Kopf als der altvorderen Generation. Auch das ist Humanismus: Ob Ost, ob West - das simple Niederlegen von Kränzen hat für viele Jüngere ausgedient. Ein Glücksfall für Geschichtsdidaktiker, ein Alptraum für die Organisatoren nostalgischer Erinnerungsveranstaltungen.

Die Kritiker des "Zentrums für politische Schönheit" verweisen auf grundlegende Unterschiede zwischen den Todesumständen an der DDR-Mauer und den Grenzen der "Festung Europa“, zwischen den Grenzsoldaten der DDR-Diktatur und den Frontex-Grenzsoldaten in EU-Demokratien. In der Tat: Während die Todesschützen an der Mauer einen „Schießbefehl“ ausführten, folgen die EU-Grenzpatroullien einem „Abschreckungsmandat".

Aber Menschenrechtsberichte deuten darauf hin, dass auch hier Mord und Totschlag verübt werden. Angesichts zurückgewiesener Flüchtlingsboote auf hoher See. Angesichts von Flüchtlingen, die in Marokko vom baumhohen Grenzzaun hinabstürzen. Angesichts von Flüchtlingen, die nach Gummibeschuss im Meerwasser ertrinken.

Neue Mauer, neue Opfer

Diese Grenztoten in einem Atemzug mit den Mauertoten von damals zu nennen, mögen Erinnerungsroutiniers als zynisch empfinden. Aber hat es nicht auch etwas Menschenverachtendes, wenn auch am 9. November Menschen an jenen neuen Mauern sterben, während der Opfer der alten Mauer gedacht wird? Und wie unterscheiden sich die Flüchtlinge von damals und heute? Die einen waren Europäer, die anderen sind es nicht. Aber die Fluchtmotive sind durchaus vergleichbar. Verbietet sich da nicht eine Konkurrenz der Mauertoten des 20. und 21. Jahrhunderts? Zumal die Zahlen bezeichnend sind. Die Zahl der Todesopfer an den europäischen Meeresgrenzen seit 1995 übersteigt die Toten des Eisernen Vorhanges um ein Dutzendfaches.

Diese Erkenntnis schmerzt, widerspricht sie doch dem Menschenrechtsversprechen der Europäischen Wertegemeinschaft. Tag für Tag wird der Artikel 13, Absatz 2, der UN-Menschenrechtskonvention von 1948 mit Füßen getreten. Er betrifft die Reisefreiheit, das Wort des Jahres 1989. Ein Vierteljahrhundert später ist Reisefreiheit für die einen eine Selbstverständlichkeit, für die anderen ein unerfülltes Heilsversprechen. Am Rande unseres grenzenlosen europäischen Traums herrscht der Alptraum.

Die kollektive Erinnerung und die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg

Leider hat das „Zentrum für politische Schönheit“ nur wenige Angehörige jener Mauertoten in die Aktion eingeweiht, deren namenssignierte Kreuze sie sich ausgeliehen haben. Der Ärger der Trauernden ist verständlich. Gleichzeitig jedoch ist die Aufmerksamkeit für das schlichte, nahezu in Vergessenheit geratene Denkmal im Regierungsviertel größer als je zuvor.

Dass die Kritik an der Erinnerungsoffensive vor allem aus der CDU kommt, zeugt außerdem von Nachholbedarf gegenüber der eigenen Parteiengeschichte. Es war Kanzler Helmut Kohl, der soeben von EU-Kommissionspräsident Juncker gefeierte Europäer, der nach dem Mauerfall im November 1989 sagte: „Nicht Freiheit schafft Instabilität, sondern deren Unterdrückung.“ Wenn die Mauerkreuze wieder an ihren Platz neben dem Bundestag zurückgekehrt sind, ist es an der Zeit, über die Zukunft der hiesigen Erinnerungskultur und den Freiheitsbegriff im Zeitalter der Globalisierung nachzudenken. Auch über die Krise internationaler Politik und die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Manch einer sieht im 21. Jahrhundert bereits das nächste "Jahrhundert der Extreme" (Eric Hobsbawm). Da kann es nicht schaden, der nächsten Generation zuzuhören und sich über eine Erinnerungskultur 2.0. zu verständigen. Kollektive Erinnerung ist ein kulturelles Gut, dessen sich eine demokratische Gesellschaft fortwährend gemeinsam vergewissert - um daraus Schlüsse für das politische Handeln abzuleiten. Ein schmerzhafter Prozess.

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