Diebstahl im Lutherhaus : Räuber, Feuer, Flut

Der Fall Eisenach zeigt, wie unsicher Museen sind.

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Diebstahl. Das Lutherhaus in Eisenach vermisst wertvolle Flugschriften.
Diebstahl. Das Lutherhaus in Eisenach vermisst wertvolle Flugschriften.Foto: dpa

Einen deutlicheren Hinweis darauf, dass die Sicherheitstechnik des Museums überaltert ist, konnte es wohl kaum geben. Die Diebe, die gerade im Eisenacher Luthermuseum drei Originale mitgehen ließen, drückten an der Rahmenkonstruktion der Vitrine nur eine Scheibe zur Seite und schon konnten sie zugreifen. Die Flugschriften „An den Christlichen Adel deutscher Nation“ von 1520, „An den Radherrn aller stedte“ von 1524 und die „Lutherpredigt, das man Kinder zur Schule halten soll“ von 1530 müssen irgendwann um die Mittagsstunde verschwunden sein, während zwei Schülergruppen gerade in den Räumen weilten – so viel lässt sich noch rekonstruieren.

Nun steht man vor den leeren Glasbehältnissen und kann sich nur an die einzig gute Nachricht halten: Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat dem reformationsgeschichtlichen Museum für die geplante Modernisierung und Erweiterung des mittelalterlichen Fachwerkbaus seine finanzielle Unterstützung zugesagt. Insgesamt hatte das Museum für die Dauerausstellung Bundesmittel in Höhe von 700000 Euro beantragt. Am 12. August, also einen Monat nach dem dreisten Diebstahl, soll die Grundsteinlegung für das insgesamt 3,4 Millionen teure Unternehmen sein. Vielleicht legt die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, in deren Obhut sich die Gedenkstätte befindet, auch noch ein bisschen mehr für Sicherheitstechnik drauf. Sie klagt nun vor allem über den ideellen Verlust, denn an den Rand der Flugschriften hatten Luthers Zeitgenossen handschriftlich notiert, was sie über dessen Forderungen dachten. Diese Gedanken sind nun vogelfrei.

Faksimiles auszustellen und an die Wände Kopien zu hängen, ist dennoch keine Lösung. Schließlich gehen die Menschen ins Museum, um Originale zu sehen und etwas von der Aura eines Kunstwerks, eines historischen Objektes zu spüren. In Zeiten unendlicher Vervielfältigungsmöglichkeiten, zunehmender Virtualisierung verzeichnen Museen als Hort des Singulären, der einmaligen Erfahrung durch die Begegnung mit Kunst ein wachsendes Interesse.

Dieser Widerspruch von Einmaligkeit und Besuchermassen, kostbarsten Exponaten und Zugänglichkeit für jeden wurde für manches Museum schon zum Verhängnis. Lücken in der Sicherheitstechnik sind leicht ausspioniert – wie beim spektakulären Kunstraub in Rotterdam im vergangenen Herbst, wo Werke von Picasso, Matisse, Gauguin in Millionenhöhe gestohlen wurden. Oder das Aufsichtspersonal wird brutal überwältigt, wie wenige Monate zuvor im Museum des antiken griechischen Olympia, wo die Räuber den Wächter an einen Stuhl fesselten und sich dann bedienten.

Einfach wegschließen kommt als weitere Alternative noch weniger infrage, denn dies widerspricht dem öffentlichen Auftrag des Museums, das seine Schätze nicht nur zu schützen, sondern auch zu zeigen hat. Ohnehin garantiert das Depot keine absolute Sicherheit, wie das Elbe-Hochwasser schmerzlich zeigte.

Von Feuergefahr ganz zu schweigen. Den gestohlenen Werken aus Rotterdam scheint dieses Unglück auch noch widerfahren zu sein. Die Mutter eines Täters, die mit vier weiteren Verdächtigen in Bukarest ab August vor Gericht stehen wird, gab nun an, dass sie alle sieben Werke nach einer ersten Hausdurchsuchung der Polizei in ihrem Ofen verbrannt habe. Eine chemische Analyse soll jetzt den Beweis erbringen, ob sich Farbpartikel noch in der Asche befinden. In Eisenach gehen derweil Stoßgebete gen Himmel, dass die drei Flugschriften wohlbehalten wiederkehren. Seelsorger stehen dort bereit, die Stücke auch anonym in Empfang zu nehmen. Nicola Kuhn

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