Kultur : Dienst am Ding

Erfurt widmet dem Hamburger Designer und Architekten Peter Behrens eine Retrospektive.

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Verkupfert und flockig gehämmert. Elektrische Wasserkessel aus Messing (1909). Foto: Sammlung Schröder/Alexander Burzik
Verkupfert und flockig gehämmert. Elektrische Wasserkessel aus Messing (1909). Foto: Sammlung Schröder/Alexander Burzik

Im Rahmen des thüringischen „Van-de-Velde-Jahres 2013“ mit dem Schwerpunkt einer Retrospektive zum Werk des belgischen Gestalters und Architekten in Weimar (vgl. Tagesspiegel vom 27.3.) ist im benachbarten Erfurt eine ähnlich umfassende Ausstellung zu Peter Behrens zu sehen. Fünf Jahre jünger als van de Velde, ähnelt der Berufsweg des gebürtigen Hamburgers Behrens dem des Belgiers. Beide studierten Malerei, sind aber als Gestalter und Architekten Autodidakten; Behrens durchaus mit Selbstbewusstsein, gestützt auf das ihm im Alter von 21 Jahren ausbezahlte Erbe, das ihn in jeder Hinsicht unabhängig machte.

Souveränität ist ein Wort, das Behrens zeitlebens charakterisierte. Ihm geht van de Veldes missionarisch-lebensreformerische Impuls ab, auch wenn seine Entwürfe für Geschirr und Gläser, Vasen und Bucheinbände denen des Belgiers an Feinheit und Eleganz in nichts nachstehen. Doch vertieft er sich ab 1907 in die Gestaltung von neuartigen und entsprechend kostspieligen Konsumgütern, von elektrischen Tischventilatoren, Lampen und Wasserkesseln.

Für seinen Auftraggeber, den Elektro-Weltkonzern AEG, entwickelt er das ein vollständiges Corporate Design, lange bevor der Begriff aufkommt. Alles, was Behrens gestaltet, gestaltet er in großer Zahl. In der Erfurter Kunsthalle ist eine Art Großvitrine aufgebaut, in der gut 50 Gläser den Variationsreichtum der Entwürfe vor Augen führen, ebenso eine Wand mit 32 Heftumschlägen, darunter den „Mitteilungen der Berliner Elektricitaetswerke“ 1907-09. An der Stellwand hinter den Vitrinen mit Wasserkesseln („Messing, vernickelt“) hängen vier Uhren, als Symbole der exakt gemessenen Zeit der Industrieepoche.

Man kann bei Behrens, anders als bei van de Velde, kaum darüber streiten, ob der Produktgestalter bedeutender ist als der Architekt. Die Architektur bildet den gewichtigsten Teil seines Oeuvres, von seinem Haus in der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe im Jahr 1901 bis zu den spätesten, Entwurf gebliebenen Großbauten für das Berlin der Nazizeit. Die Erfurter Ausstellung beginnt mit Fotografien seiner Bauten und führt danach auf die AEG-Produktpalette hin: So wird als Lebensleistung die Verbindung von Industrie und Ästhetik herausgestellt.

Mit den Bauten für die AEG schrieb Behrens Architekturgeschichte: zuerst die mächtige Turbinenhalle in Berlin-Moabit, dann der immer weiter ausgreifende Komplex in Wedding. Die Kleinmotorenfabrik mit ihren gemauerten Halbsäulen nimmt das Fassadenmotiv der Kaiserlichen Botschaft in St. Petersburg (1911-13) vorweg, dort allerdings imperial in finnischem Granit. „Behrens hatte ein großartiges Gefühl für die Form“, erklärte rückblickend Mies van der Rohe, der vor dem Ersten Weltkrieg in Behrens’ Büro gearbeitet hatte und den Bau der Petersburger Botschaft leitete. Dieses Formgefühl bewahrte Behrens durch alle Wandlungen hindurch, den Expressionismus der Verwaltungsgebäude der Farbwerke Hoechst von 1920-24, die Neue Sachlichkeit des zeitgleich erbauten Gebäudes der Gutehoffnungshütte in Oberhausen und den extremen Funktionalismus der Tabakfabrik im österreichischen Linz von 1929-35.

1930 entwarf Behrens die beiden Bürohäuser am Alexanderplatz nahe des Bahnhofs, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben und mittlerweile sorgsam restauriert sind. Das geschah im Zuge des Umbaus zum „Weltstadtplatz“, den Baustadtrat Martin Wagner betrieb. Behrens blieb auf der Höhe der Zeit, ohne ihr noch, wie vor dem Ersten Weltrieg, vorauszueilen. Sein Einfluss auf die nachfolgende Generation von Architekten ist immens. Nicht nur Mies, sondern auch Gropius und sogar Le Corbusier waren zeitweise in seinem Büro im Berliner Nobelvorort Neubabelsberg beschäftigt. Auf sie alle hat seine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Technik und Industrie als Befreiung und Vorbild gewirkt. Bernhard Schulz

Erfurt, Kunsthalle, bis 16. Juni. Katalog, Weimarer Verlagsgesellschaft, 364 S., 30 €.

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