Diergardt-Sammlung im Neuen Museum : Als die Hunnen Krone trugen

„Schätze aus Europas Frühzeit“: Das Neue Museum zeigt die bedeutendsten Stücke der Diergardt-Sammlung, darunter die „Krone von Kertsch“.

Prunkstück. Die „Krone von Kertsch“, ein mit roten Einlagen aus Granat verziertes Diadem.
Prunkstück. Die „Krone von Kertsch“, ein mit roten Einlagen aus Granat verziertes Diadem.Foto: Anja Wegner / © Römisch-Germanisches Museum/Rheinisches Bildarchiv Köln

Johannes Freiherr von Diergardt muss eine imposante Persönlichkeit gewesen sein. Der Spross einer millionenschweren Samt- und Seidenverlegerfamilie aus dem Rheinland interessierte sich früh für Archäologie und sammelte die Kunst der europäischen Völkerwanderungszeit. Unzählige kunstvoll verzierte Broschen, Gürtelschließen, Waffen und Schmuck aus dem Raum nördlich des Schwarzen Meeres, aber auch aus Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland zählten zu seiner Sammlung. Ab 1906 steht er in Kontakt mit den Königlichen Museen in Berlin und schenkt dem Museum für Vor- und Frühgeschichte immer wieder kostbare Stücke. Als Mäzen verbittet er es sich, seinen Namen zu nennen.

In den Akten des Museums wird er als „ungenannter Gönner“ geführt. Öffentliche Auftritte scheut er und bleibt doch dem Museum stets verbunden: „Der damals siebzigjährige Mann war ein Mann von ungeheurer Körperfülle, und schon stark im Gehen behindert, aber man sah ihm immer noch den Grandseigneur an“, erinnerte sich ein Museumsmitarbeiter. Von Diergardt wurde bei seinen Museumsbesuchen nach Dienstschluss stets in den letzten Saal geleitet, „wo er dann auf einem Stuhl Platz nahm, eine Viertelstunde lang aus seinem Leben plauderte und zum Schluss dieses oder jenes Stück der Leihgaben dem Museum schenkte, um sich dann langsam wieder zum Auto bringen zu lassen.“

Dieser Scherenstuhl mit gekreuzten Beinen steht nun auf einem Podest im Zentrum der Ausstellung „Die Krone von Kertsch. Schätze aus Europas Frühzeit“ im Museum für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum. Konzipiert wurde die Ausstellung mit dem Kölner Römisch-Germanischen Museum. Zehn thematische Vitrinen sind im Kreis um den von Diergardtschen Stuhl aufgebaut und geben Einblick in seine Sammlung, die nun nach über 80 Jahren zumindest zeitweise nach Berlin zurückgekehrt ist.

Berlin ging die Sammlung einst verloren

Die Weltwirtschaftskrise hatte das Vermögen von Diergardts dezimiert, der daraufhin seine Sammlung dem Berliner Museum zum Kauf anbot. Doch die Berliner zögerten. Als von Diergardt 1934 starb, bekundete das Wallraf-Richartz-Museum Interesse und bekam von den Erben den Zuschlag. So ging Berlin eine bedeutende Sammlung verloren, die heute im Römisch-Germanischen Museum in Köln zu sehen ist. Da es zurzeit renoviert wird, durften die bedeutendsten Stücke nach Berlin.

Prunkstück ist die „Krone von Kertsch“, ein mit Granatsplittern verziertes goldenes Diadem, das einst einer noblen Dame auf der Krim gehörte. Vermutlich ist sie hunnischen Ursprungs. In weiteren Vitrinen werden Fibeln aus Silber gezeigt, die zum Teil vergoldet sind und nicht nur die Kleidung schließen, sondern sie auch schmückten sollten. Berühmt sind die Adlerfibeln mit eingelegten Edelsteinen. Kinder trugen vor allem die beeindruckend realistischen Zikadenfibeln aus Silber. Aus männlichen Gräbern stammen Gürtelschließen, Zaumzeug, Waffen und Beschläge, dazu Keramik- und Glasgefäße, Trinkbecher und Flaschen.

Die Herkunft der Objekte ist oft fragwürdig

Nicht immer ist die Herkunft der Objekte bekannt, von Diergardt hat viel im Kunsthandel erworben und selten nach der Herkunft gefragt. Das überließ er den Wissenschaftlern des Berliner Museums, dem er immer wieder Stücke lieh, dann dauerhaft übergab. So sind auch in der Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte aus Anlass der Ausstellung die Objekte extra markiert, die von Diergardt dem Hause schenkte. Unter den Schmuckstücken befindet sich so manche Fälschung, wie man heute weiß.

Der Reiz der Ausstellung besteht im biographischen Bezug zu Diergardt. Auch wenn sie nicht systematisch angelegt ist, so vermittelt sie doch Einblick in die künstlerische Produktion der Völkerwanderungszeit und des frühen Mittelalters in Europa. Sie belegt auch hier, wie Funde wanderten, Moden und Stile sich gegenseitig beeinflussten.

Museum für Vor- und Frühgeschichte, Neues Museum, Museumsinsel, bis 29. 9., Mo bis So 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

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