Kultur : Dies Bildnis ist bezaubernd schön

THOMAS LACKMANN

Der Krieg ist eine viel zu ernste Sache, um ihn den Generälen zu überlassen, hat (laut Tucholsky) ein französischer Offizier gesagt; Theater ist schöner als Krieg, plakatierte einst das Bochumer Schauspielhaus.Varieté wiederum ist lustiger als Theater.Peter Schwenkow, Chef der Deutschen Entertainment AG, steht auf einer Leiter und spricht.Das gehört nicht zum neuen Programm seines Vergnügungstempels, hat aber symbolische Bedeutung, denn mit dem Nachkriegs-Wintergarten soll es nun, im siebten Jahr, wieder aufwärts gehen; es hat auch praktische Bedeutung, denn auf der Leiter steht der Impresario bei der Premierenfeier im Wintergarten-Restaurant, erhöht, um als Redner von den Umstehenden gesehen zu werden; es hat fürsorgliche Bedeutung, denn das Varieté samt Lokal wurde gerade in einer zehntägigen parforce-Renovierung auf Hochglanz gepeppt, und der neue Tresen war - so Schwenkow - derart teuer, daß sein Mißbrauch als Rednerpodium wie bei den früheren Parties nun einfach zu schade sei.Ja, im Wintergarten gibt man sich jetzt richtig Mühe.Der neue Geschäftsführer Georg Strecker sieht nicht nur aus wie Bruce Willis (und wird auf Casting-Tour in China bei der Paßkontrolle prompt für denselben gehalten), er hat ein Zirkusherz mit Tournee-Schwielen, lacht noch vergnügt über kleinste Tages-Varianten seiner Künstler bei der x-ten Vorführung.Die neue Ausstattung prunkt in satten Farben, das Foyer changierte von blau nach rot, die Bar erhielt üppige Goldrahmung, an der Restaurant-Decke tummelt sich ein gemalter Chaplin mit Tauben und Schlangenfrau; das Muster der nostalgisch geschliffenen Fenster freilich entpuppt sich, beim zweiten Blick, als aufgeklebt, wie manches Pappdekor; Kulissenzauber.Das Programm aber, darauf kommt es schließlich an, beginnt mit einem spannenden, jazzig-symphonischen, liebevoll ausgefeilten Arrangement des fetzigen kleinen Orchesters, als Einstimmung in selbstironisches, nahezu klassisches Pathos: ein funkelndes Ouvertürchen zum Zuhören, ein Aperitif für die Phantasie.

Das neue Wintergarten-Programm ist das beste seit gut einem Jahr.Regisseur Bernhard Paul, der Wortspieler, nennt es "Da-Ca-Po", was "nochmal von vorn" bedeuten könnte, oder "von oben" oder gar Reform "an Haupt und Gliedern"; schließlich wurde jüngst der vormalige Geschäftsführer, so machen das seriöse Häuser, in den Aufsichtsrat der Entertainment AG entsorgt.Komik entsteht ja aus der Fallhöhe des Erhabenen.Kitsch und Komik tragen diese Revue; sie durchdringen und brechen einander nicht so sophisticated, wie das möglich wäre, garantieren aber über weite Strecken Amüsement.René Bazinet ist spiritus rector des Abends.Freilich hätte er besser nicht das "Lied eines Mediums" gesungen, welches ehrenwert ernsthaft daherkommt ("Will denn keiner hier erwachen aus dem Alptraum dieser Zeit?"), sondern lieber den alten Nonsense-Schlager "Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche".Denn genau das macht Bazinet - und mehr.Er stellt den hageren Körper zum Lachen hin: im roten Wolltrikot, im Smoking.Er veralbert die Firma: "Wir haben das Varieté neu erfunden." Er erzählt eine Western-Pantomine vom Coyoten, der Krähe und dem Cowboy, produziert dazu perfekten Soundtrack.Akustische Reduktion auf den Mini-Strich des Karikaturisten: das regt Hirn und Zwerchfell auf.Dagegen setzen "Die Thuranos" am Drahtseil auf Scherz mit Herz: auf die Balance einer Vater-und-Sohn-Beziehung, den Eitelkeits-Kampf zwischen ambitioniert-angestrengtem Midlife-Sprößling und 89jährigem, souverän-infantilem Erzeuger.Witzige Psycho-Akrobatik; altbekannt, unverwüstlich.Makelos perfekten Erotik-Kitsch indes zeigen Julia Kolossova, die zierliche Schöne aus dem Ural, mit ihrem wie in Pop-Gemälden auf- und niederschwebenden Hula-hoop-Szenario Dutzender leuchtend kreisender Reifen am Vertikal-Seil, sowie aus Moskau Elena Borodina als Handstand-Akrobatikin unter wehendem Negligé.Beides, Kitsch und Komik, bedienen wiederum die Ukrainer Slava und Oksana: der Ausdruckstanz des Muskelhelden unter dem Würfelgerüst assoziert Monumentalästhetik der ersten Jahrhunderthälfte; die Liebestragödie phosphorierender Aquariums-Fische - über Flirt, Begattung, Verlassenwerden bis zum (Selbst)Mord durch Stöpselrausziehen - rührt und erfrischt.

"Mehr Inhalt, weniger Kunst", hat Hamlet, der Idealist, gesagt: als man Kunst noch von Können ableitete.Das Kunsthandwerk der Wintergärtner stimmt; ob Varieté jedoch mehr sein soll als lustvolle Überwindung der Naturgesetze, ob es über Stories, Kommunikation, Persönlichkeits-Ausstrahlung, über Inhalte zum Gemütskern des Publikums vordringen darf, darüber streiten die Gelehrten.Den Rezensenten sprechen am Premierenabend nette Kollegen an, die einerseits bezweifeln, daß man an Entertainment Ansprüche stellen solle; von anderen ist gar das weicheiige Argument zu hören, man solle bei der Beurteilung des Ergebnisses das Mühen und die Jugend mancher Akteure in Rechnung stellen.Solche Rücksichtnahme braucht der Wintergarten gar nicht.An den Höhepunkten seiner neuen Show beweist die Truppe "Imago", daß Hoffnungen auf die Kraft des Varietés unbescheiden sein dürfen.Diese Amerikaner kriechen als Insekten und Reptilien über die Bühne.Den Kontakt zum Zuschauer erreichen sie durch drastisch-skurrile Masken und Kostüme, durch Dramaturgie und Extremität körpersprachlicher Verrenkung: als schnaufende Echse, als schlürfende Riesen-Kakerlake, als Froschpaar auf der Balz.Wie da zwei stumme Quaker Minuten still an die Rampe glotzen, dann den Kopf wenden, kokett vor-und zurückhüpfen, cool einander bespringen, um zuletzt beim selig-dumpfen Coitus durch eine Fliege wie durch einen brummenden Jet abgelenkt zu werden - das geht grotesk und gefühlvoll in den Bauch der Seele.O, Imago: dies Bildnis ist bezaubernd schön.Wenn jetzt nur noch etwas Satire im Vergnügungs-Garten sprösse, inklusive Politik! Denn das Gelächter ist ja eine viel zu harte Sache, um es den Weicheiern zu überlassen.

Bis 10.Januar: Montag bis Freitag 20 Uhr, Samstag 18 und 22 Uhr, Sonntag 18 Uhr.

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