Kultur : Diese Freiheit nehm’ ich mir

Grenzüberschreitungen zu Lande und in der Luft – Bilanz des Berliner Jazzfests

Johannes Völz

Es sollte um alles gehen. Mindestens. Um Schlagzeuger, die malen und trommeln, um internationale Kooperationen, um die Szenen Amsterdams, Australiens und Chicagos, um freien Jazz, Mainstream und Boogie Woogie. John Corbett, der Kritiker und Gitarrist aus Chicago, wollte sich bei seinem Jazzfest einfach nicht festlegen: Vielfalt am Rande der Konzeptlosigkeit. Dass das Jazzfest am Ende trotzdem zu einem erstaunlichen Erfolg wurde, dass fast 10 000 Zuschauer zu den 23 Gruppen kamen, dass so gut wie jedes Konzert ausverkauft war und dass in den Clubs Soultrane und Quasimodo Stehplätze auch noch nachts um halb zwei ein Privileg waren: Es lag an Corbetts Mut, ungewöhnliche Musiker nach Berlin zu holen.

Ken Vandermark, George Lewis, Joe McPhee, sie alle setzen auf freie Improvisation. Damit können sie, wenn sie in unpassendem Rahmen auftreten, gewaltig nerven. Oder, wie beim Jazzfest, begeistern. Der Saxofonist Ken Vandermark etwa riss das Publikum gleich zweimal mit. Im Haus der Berliner Festspiele entwarf er mit seiner zwölfköpfigen „Territory Band“ eine soziale Utopie. Wollte einer der Musiker ein Statement abgeben, hob der kurz die Hand, woraufhin die anderen ihn punktgenau unterstützten. Egalität durch Selbstverpflichtung könnte man das nennen. Obendrein unterband Vandermark damit geschwätzige Free Jazz-Soli. Er selbst aber wusste genau, was man in völliger Freiheit mit sich anfangen soll. 30 Stunden später stand Vandermark beim Abschlusskonzert mit seinem Trio „Spaceways Inc.“ auf der Bühne des Quasimodo und sagte: „Die ,Territory Band‘ ist schön und gut, aber jetzt will ich auch mal ein Solo spielen“. Also sprang er, aufgestachelt von seinem Bassisten, so lange durch die Oktaven, bis ihn sein Schwung an den Bühnenrand katapultierte.

So ganz konnte Corbetts Programm die Erwartungen, die der Eröffnungsabend geweckt hatte, dennoch nicht erfüllen. Die nachvollziehbare Dramaturgie, die Andrew Hill, Von Freeman und Jason Moran so eng verknüpft hatte, sie löste sich schon am zweiten Tag auf. Und an Jason Moran kam keiner heran. Nicht nur, dass der Furor des 27-jährigen New Yorker Pianisten dunkler, unvorhersehbarer wütet als der der kreischenden Free Jazzer. Keine andere Gruppe verhakte sich mit ihrer Musik so sehr in der Gegenwart, schleuste Pop wie Klassik in einen musikalischen „Fight Club“ ein.

Ganz anders Moreno Veloso, der wohl eingeladen wurde, damit wenigstens ein paar elektronische Beats das Festival beschallten. Es sollte am Ende bloß nicht heißen, die Musik habe sich abgekoppelt von den Innovationen der Jugend. So schmalzte sich Veloso durchaus schmeichelnd durch seinen Bossa Nova, während Drummer Domenico Lancelotti Rhythmen aus der Clubszene live in den Drumcomputer eintippte. Schade nur, dass seine fortlaufende Bassdrum längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Das hätten andere überzeugender gekonnt, Jazzanova aus Berlin zum Beispiel.

Das überragende Thema, die freie Improvisation, schleifte fast zwangsläufig die Schlagzeuger ins Rampenlicht. Diszipliniert hielten sich die ergrauten Avantgardisten an ihr oberstes Gebot: Du sollst Schlagzeug spielen, wie es sich nicht gehört. Milford Graves setzte im tranceartigen Dialog mit dem deutschen Free Jazz-Saxofonisten Peter Brötzmann seinen Ellenbogen als Dämpfer ein, Paul Lovens warf ein Becken auf die Snare, Paul Lytton überhäufte die Trommeln mit Eisenketten, Han Bennink verwendete seinen Stuhl als Stock, bedeckte die Drums mit einem Handtuch, in dem sich prompt die Sticks verfingen. Im Gestus allerdings unterschieden sie sich gewaltig.

Genau deswegen weiß man heute nie so recht, ob man beim Free Jazz die Stirn runzeln oder überrascht die Augen aufreißen soll. Verbissen, ganz ohne Selbstdistanz, bewachte Paul Lovens‘ „Nu Ensemble“ – ein gänzlich unpassender Name – die Grenzen, die es schon vor dreißig Jahren zu überschreiten galt. Als der fiepende Schlussakkord aus dem analogen Synthesizer die Trommelfelle zu durchbohren drohte, verließen die Klügeren den Saal.

Han Benninks Spektakel beim Auftritt des Tobis Delius Quartetts zielte in die entgegengesetzte Richtung: Alles nicht so ernst nehmen. Auch er, einst eine der Antriebskräfte in der holländischen Free Jazz-Szene, schoss über das Ziel hinaus. Als er auf allen Vieren über die Bühne kroch und auf den Boden trommelte, konnte man nur an Topfschlagen beim Kindergeburtstag denken.

Immerhin hinterließ Bennink einen solch markanten Eindruck, dass Roy Haynes direkt im Anschluss eine halbe Stunde brauchte, um klarzustellen, wer der Königstrommler des Jazzfest war. Eine halbe Stunde, in der der 77-Jährige nicht zuletzt die afroamerikanische Bebop-Tradition gegen die europäischen Modernisten zu verteidigen hatte. Wie vorhersehbar das anfangs alles wirkte! Und wie geläutert man sich plötzlich fühlte, als sich Haynes mit dem überragenden 30-jährigen Bassisten Christian McBride verbrüdert hatte.

McBrides voller Ton, sein Swing, der sich einklinkte in Haynes’ elliptische Akzente, in seine vorausahnenden Kicks: Das war Perfektion. Was für eine Ironie, dass es gerade Bebopper waren, die auf diesem Festival unerreicht klug miteinander kommunizierten. Das half selbst über den Ausfall der anderen beiden Stars der Gruppe, den Altsaxofonisten Kenny Garrett und den Trompeter Nicholas Payton, hinweg.

In den nächsten Jahren wird Peter Schulze das Programm zusammenstellen. Der langjährige leitende Redakteur von Radio Bremen soll die Festivalleitung „etwas verstetigen“, wie der Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, bekannt gab. Mit Japan wird es aber auch im nächsten Jahr einen Regionalschwerpunkt geben.

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