Kultur : Diese Welt ist nicht genug

Auf Vogelfüßen: Hayao Miyazakis hinreißender Zeichentrickfilm „Das wandelnde Schloss“

Sebastian Handke

In jedem seiner Filme verblüfft Hayao Miyazaki, der Altmeister des japanischen Animationsfilms, mit seiner erstaunlichen Begabung für Erfindung, Atmosphäre und Detail. Niemand sonst beseelt das Leblose so kunstvoll wie er. Seine Filme, angesiedelt in magischen Realitäten, die stets auf schwankendem Boden stehen, sind lyrische Phantasmagorien, die trotz ihrer Fülle vieles der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen. Anfangs erforschte Miyazaki die Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen der Jugend, später kamen ökologische oder sogar soziale Themen hinzu. Mehr noch als „Chihiros Reise ins Wunderland“, für den der große Geschichtenerzähler den Oscar und den Goldenen Bären erhielt, trägt der neue Film des Vierundsechzigjährigen den Charakter eines Alterswerks – eine verspielt-verrätselte Märchenparabel über Segen und Fluch des Mensch- und Kreaturseins.

„Das wandelnde Schloss“ erzählt eine vielschichtige Handlung um Liebe, Gier, Krieg und Verantwortung, um das Altern und die vorbeiziehenden Momente des Lebens, in der einfachen Art eines Kindermärchens. Doch es gibt keine Helden und auch keine Bösewichter – nur auf verschiedene Weise stigmatisierte Märchengestalten, die sich durchschlagen müssen durch ihre Existenz, und das heißt hier: den jeweils eigenen Zauberfluch überwinden.

Die achtzehnjährige Sophie, die als Hutmacherin den Laden ihres verstorbenen Vaters pflichtschuldig weiterführt, wird eigentlich erst jung, als sie sich plötzlich in ein altes Weib verwandelt findet. Sie schlägt sogar Vorteile aus ihrer neuen, alten Haut, indem sie Mut schöpft und Abenteuerlust aus frisch erlerntem Altersstarrsinn. Die anderen Fluchbeladenen – eine Vogelscheuche mit Rübenkopf und flatternden Armen, der Feuerdämon Calcifer, der charismatische, aber defätistische Zauberer Hauro – reißt sie dabei mit sich und rettet außerdem ihr Land, ein anachronistisch erfundenes, europäisches Königreich, vor einem zerstörerischen Krieg.

Das wäre eigentlich Hauros Aufgabe gewesen. Doch der ist deprimiert, weil beim Großputz des wandelnden Schlosses seine Haarmittel vertauscht wurden. Also schickt er Sophie zum König, die sich dort als Hauros Mutter ausgeben und mitteilten soll, dass ihr Sohn ein Nichtsnutz ist und daher ungeeignet für Kriege. Auf dem Weg dorthin trifft sie die Hexe aus dem Niemandsland, und es kommt zu einem herrlichen Wettrennen zweier alter, gebeugter Weiber, die beide ihr Herz an Hauro verloren haben, der aber selbst, wie sich herausstellen wird, keines mehr hat. Ächzend schleppen sie ihre schweren Körper eine gigantische steile Treppe herauf, Sophie muss gar noch einen alten, hustenden Hund mit sich tragen. Am Ende ist sie die Siegerin und die böse Hexe keine mehr. So folgt, angetrieben durch eine innere Traumlogik und getragen von einer walzerseligen Musik, ein überraschendes Szenario auf das nächste.

Die Handlung wuchert wie ein riesiges Haus, an dem immer dann ein Zimmer angebaut wird, wenn man gerade ein neues braucht. Auf diese Weise dürfte auch das eigentliche Wunder dieses Filmes entstanden sein, das wandelnde Schloss selbst: ein organisch anmutendes Maschinenwerk mit Stegen und Brücken, Türmchen und Treppen, aufgestellt auf vier dürren Hühnerbeinchen. Immerzu in Bewegung und Transformation, stampft das gebrechliche Ungetüm dampfend, klirrend und surrend durchs Niemandsland. Das mäandernde Schloss und Miyazakis Erzählkunst – sie sind handgemacht und von rätselhaften Proportionen, zusammengefügt nach einem sehr bestimmten, aber undechiffrierbaren Formplan, der ihrer Gestalt Windschiefe verleiht und zugleich mythische Erhabenheit.

In 24 Berliner Kinos

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