Kultur : Diese Woche auf Platz 12 Lionel Richie

„Just For You“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

„Die ganze Nacht lang (die ganze Nacht)“ – klingt, als würde ein unter Restalkohol stehender 16-Jähriger von seinem Party-Ausflug erzählen? Falsch. Der Herr ist 55 und „All Night Long (All Night)“ einer seiner größten Hits. Ein Song, der sich in die Chromosomen der westlichen Welt gefräst hat. Schon damals wusste Lionel Richie: Einmal sagen reicht nicht. Die Wiederholung, ja, die Redundanz seiner Refrains wurde zu seinem markantesten Ausdrucksmittel. Wie eröffnet er sein neues Album? „And my heaaaaaart is breaking, just for you, just for you ...“ Wirklich, nur für uns? Das Leben hat Lionel Richie Prüfungen auferlegt. Eine Scheidung, eine Kehlkopferkrankung und außerdem seine Tochter Nicole, die famillionär ihr Taschengeld unter die Leute bringt.

Mit seiner früheren Band, den Commodores, wurde Richie vom „Rolling Stone“ einmal als „Antwort der schwarzen Musik auf Heavy Metal“ bezeichnet. 1971 unterschrieben Richie und seine Band bei der Firma Motown und wurden mit flottem Soul-Funk deren erfolgreichster Act der Siebziger. Doch Richie entwuchs der Band, ähnlich wie Phil Collins Genesis entwuchs: als großer Vereinfacher. Mit Titeln wie „Truly“, „Hello“ oder „Say You, Say Me“ hatte er zwischen 1978 und 1986 jedes Jahr einen Nummer-1-Hit. Heute dürfen wir einem reifen Alterswerk entgegensehen. Richies Aura als großer Nivellierer ist mittlerweile so stark, dass er Stücke mit Lenny Kravitz aufnehmen kann – und man hört es noch nicht einmal. Apropos: simpel. „Die Simplizität“, sagt Lionel Richie, „ist der Schlüssel meines Schaffens.“ Und belegen nicht seine Vitrinen voller Grammys, Oscars, Golden Globes, wie sehr die Welt schlichtes Liedgut braucht?

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