Kultur : Diese Woche auf Platz 17 Annie Lennox

mit „Bare“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

Ist das Heilerde? Womit auch immer Annie Lennox sich für das Cover-Foto eingerieben hat – es lässt sie blass aussehen. „Bare“ (zu deutsch: entblößt) hat sie sich vor die Kamera gestellt, nur angetan mit einigen wenigen Requisiten, zum Beispiel dem Punk-Halsband. Als solche Halsbänder in den Achtzigerjahren Mode wurden, waren sie schon ein Zitat. Und auf Zitate verstanden sich Annie Lennox und ihr Partner Dave Steward. Ihre Streifzüge durch Funk, Soul, Jazz und diverse elektronische Stile waren ebenso clever kalkuliert wie Lennox’ androgyne SM- Science-Fiction-Outfits.

Süße Träume hat Annie Lennox in den letzten Jahren wohl nicht so oft gehabt. Auf „Bare“ zeigt sie nicht nur ihre Haut, sondern auch Seele – und die hat im Lauf der letzten 20 Jahre einige Höhen und Tiefen gesehen, zuletzt eine Scheidung. Titel wie „The Hurting Time“ oder „Bitter Pill“ erinnern nur noch entfernt an den Hochglanz-Synthie- Pop der Eurythmics. Eine Platte für Erwachsene. Annie Lennox sagt selbst: „Eigentlich sollte dieses Album eher in den ‚Selbst-Therapie’-Regalen der Buchläden stehen, als in Plattenläden.“ Um einen weiteren Eurythmics-Hit zu zitieren: Würde Sie uns anlügen? Nein, das hat sie nicht nötig, nicht mit 48 Jahren, nach 50 Millionen Eurythmics- und 12 Millionen Solo-Alben.

Auch wenn sie dieses Nietenhalsband trägt – Annie Lennox steht nicht gerade mit der Bierdose am Kotti. Sie sah aus wie eine Computergrafik, damals, als Computer noch nicht unser Leben bestimmten. Heute verzichtet sie – auch musikalisch weitgehend – auf Computerhilfe und zeigt sich ungeschönt, ungemorpht. In Zeiten der Beauty- Diktatur ist das schon wieder Punk.

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