Kultur : Diese Woche auf Platz 24 Westernhagen

„Es ist an der Zeit“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

Nein, so ein trauriger „Dicker“, wie er ihn einmal besungen hat, ist er nicht geworden. Westernhagen, der den Müller und den Marius mittlerweile weglässt, ist mit 53 Jahren noch ein ziemlich beweglicher Hering. Das zeigt er im Video zur neuen Single, aufgenommen in der Neuen Nationalgalerie zu Berlin. Vor der Kamera- und Bussi-Prominenz, die er selbst zu den Dreharbeiten einlud, macht er den Unangepassten – und singt seine Gäste an: „Es ist an der Zeit, dass du endlich begreifst, dass es nicht nur um dich geht.“ Ob den Eingeladenen wohl klar war, welche Rolle sie spielen? Trotzdem: Es sind kluge Worte – mag auch der Sänger und Kanzlerfreund, der im öffentlichen Licht von Theo, dem Brummi-Fahrer, zu Westernhagen, dem Armani-Träger, wurde, sie in etwa so glaubhaft vertreten wie sein Kumpel Gerd. Eines unterscheidet Pop und Politik bislang noch: Ein Sänger kann es sich nicht leisten, seine Kundschaft zu verprellen. Deshalb muss Westernhagen, der am liebsten wieder ganz wilde Sachen machen würde, seine Stammwähler im Auge behalten und die Restwürze von mal geäußertem Protest mit einer Art kritischer Arriviertheit verbinden.

Platz 24 für die erste Single dürfte nur eine vorläufige Notierung sein. Das Album, für das Westernhagen die Formel „Modern Day Rock’n’Roll“ gefunden hat, klingt wieder etwas rauer – und wurde ebenso wie das aktuelle von Herbert Grönemeyer schon vor Veröffentlichung mit Platin ausgezeichnet. Nun haben sich Herbert (bislang fünfmal Platin für „Mensch“) und Marius ihrer alten Animositäten besonnen. Beide möchten der erfolgreichste deutsche Rocker sein. Es gibt diesen Zwang, deutschen Künstlern einen Superlativ anzuhängen, damit man auch glaubt, dass sie in der Welt des Showgeschäfts etwas gelten. In Deutschland gibt es mindestens drei Dutzend erfolgreichster Bands. Auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an. Und Rivalitäten sind gut fürs Geschäft. Die Kombinationen Beatles/Stones, Bay City Rollers/The Sweet oder Blur/Oasis haben das bewiesen.

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