Kultur : Diese Woche auf Platz 30Westbam und Nena

mit „Oldschool, Baby“

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Nahezu jeder ältere Sänger wirbt heute mit dem Prädikat „Oldschool“, als handele es sich bei seiner Musik um einen alten, leckeren Wein. Was als Retro-Trend angepriesen wird, ist aber in Wirklichkeit eine Plünderreise in die eigene Musikvergangenheit, der Beweis, dass man kreativen Stillstand erreicht hat. Die ehemaligen Jugendidole Westbam und Nena sind zwei von diesen Stehengebliebenen, die ihre Musik als modisch verkaufen. Immerhin: der Song ist ein Charthit, die angerosteten Techno-Pfeifen wurden wieder aus ihren Pillenträumen wach, ebenso die Fans der Frotteschweissband-Heldin Nenas. Beide Künstler wollten sich auch nie ganz von ihren musikalischen Kennzeichen lösen: Westbam ist der Techno-Großvater, seit Mitte der 90er auch noch der personifizierte Inbegriff des Loveparade-Albtraums – etwas anderes als Techno hat er eigentlich nie gemacht. Und Nena, die bekannteste Stimme der Neuen Deutschen Welle, kehrte, nach erfolglosen Jahren mit kumpelhaften Kinderlieder-Alben, zum 80er Jahre-Revival auf die Bildfläche zurück. Jetzt singt sie, durch eine psychedelische Atari-Landschaft wandelnd: „Wir sind die Zukunft der Vergangenheit/wir sind der Augenblick, der immer bleibt“, Westbam verkündet gleich den „Gegenentwurf“ zum Techno und nennt das dann – alle Achtung – Psycholectro. Wenngleich auch keiner weiß, was er damit eigentlich meint. „Irgendwo hat sich doch alles in Richtung Individualismus gewandt“, sagte Westbam kryptisch. Aber: Ein Veteran, der sich nur noch in seinen eigenen Klangwelten austoben will, das aber als Trend deklariert, was kann man von dem noch lernen? Heisst das, dass jetzt auch der Individualismus bald als „Oldschool“ gilt? Sassan Niasseri

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