Kultur : Diese Woche auf Platz 36 Kiss

„Symphony – Alive IV“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

In seinem Roman „Das Restaurant am Ende des Universums“ hat Douglas Adams 1980 die größte Rock-Band des Weltalls beschrieben. Sie heißt Desaster Area. Ihre Verstärkeranlage entspricht in Größe und Aussehen etwa Manhattan. Die Musiker kreisen in einem Raumschiff über dem Planeten und spielen ihre Instrumente per Fernbedienung. Das Publikum verfolgt die Show in einem Bunker, 37 Meilen von der Bühne entfernt. Hätte es Kiss damals nicht schon gegeben, dann hätte Douglas Adams sie erfinden müssen. Denn eines haben Kiss konsequent perfektioniert: ihre Megalomanie.

Seit 30 Jahren steigen sie nun schon in ihre Plateaustiefel. Eine lange Zeit, wenn man ständig nach dem ultimativen Kick sucht. Als Pyrotechnik und Laserblitze ausgereizt waren, versuchten Kiss den größtmöglichen Schrecken und zeigten sich ohne Gesichtsbemalung. Gottlob nur kurz. Nun wollen sie, wie so viele Rocker, in den symphonischen Himmel aufsteigen: ein 60-köpfiges Symphonieorchester, ein Kinderchor (beide geschminkt), 40 000 Zuschauer, eine Live-Doppel-CD. Geschmackssicherheit war nie ihre Stärke. Die eigentliche Kunst von Kiss lag von je her im Kaufmännischen. Über 300 Artikel bietet ihr Fan-Shop an, darunter Kiss-Kondome und als Sammlerartikel: Butterbrotdosen. Für die Blutwurst-Stullen.

„Schock-Rock“ – so wurde das früher genannt – ist ein aufreibendes Geschäft. Das zeigen auch die Karrieren von Alice Cooper oder Ozzy Osbourne. Zurück bleiben meist verwirrte alte Männer mit merkwürdigen Frisuren und gewölbter Leibesmitte. Einzig Marilyn Manson, der vitalste Vertreter dieser Mummenschanzmusik scheint noch rank und schlank. In der Gegenwart von synthetischen, im Labor gezüchteten Popstars wirken Kiss mittlerweile vielleicht wie Cro-Magnon-Menschen. Aber wenn sie noch ein paar Hundert Jahre weitermachen, werden sie irgendwann bestimmt so groß wie Desaster Area.

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