Kultur : Diese Woche auf Platz 38 Rilke Projekt „Überfließende Himmel“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

Schafft der Popstandort Deutschland den Pisa-Test? So lautete die Frage bereits letzte Woche an dieser Stelle. Grund dafür war die Tatsache, dass das ehrwürdige Kronos Quartet – wenn auch undercover – in den Top 10 vertreten ist. Diese Woche nun ein weiterer Hochkultur-Fund: Das Rilke Projekt. „Überfließende Himmel“ wurde in der vergangenen Woche häufiger verkauft als bespielsweise „In The Zone“ von Britney Spears.

Dem Frankfurter Duo Richard Schönherz und Angelica Fleer hat des Dichters poetischer Flügelschlag offenbar einen langen Atem verliehen. Jedenfalls berichten die beiden von langwierigen Verhandlungen mit verschiedenen Plattenfirmen, die in Zeiten der Krise vermeintliche Risiken scheuten. Das Konzept: Lyrik und Musik. Bekannte Stimmen sprechen und singen Rilke. Otto Sander, Mario Adorf, Xavier Naidoo, Nina Hagen oder Montserrat Caballé. Natürlich gab es verschiedene Lordsiegelbewahrer, die darüber die spitzen Nasen rümpften. Nun wird das erste Album des Projekts, „Bis an alle Sterne“, bald vergoldet.

150 000 CDs mit Rilke. Erfüllt das nicht geradezu klassisch den Bildungsanspruch, den so viele Lordsiegelmedien nicht mehr wahrnehmen? Zeitweise lag das Rilke Projekt in den Hörbuch-Charts sogar vor Harry Potter. Woher kommt der Erfolg? Sicher nicht nur daher, dass der durchschnittliche Plattenkäufer immer älter wird. Vielleicht spricht auch eine Sehnsucht daraus, die schon Rilke selbst antrieb. Eine Sehnsucht, der allumfassenden Ökonomisierung und Verdinglichung zu entfliehen. Poesie hilft da manchmal.

Das hat wohl auch der letzten Montag verstorbene Peter Ustinov so gesehen. Er sprach für „Überfließende Himmel“ seine letzte Tonaufzeichnung, „Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum“, in seinem Haus am Genfer See direkt ins Notebook.

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