Kultur : Diese Woche auf Platz 4 Beoncé

„Dangerously in Love“

Ralph Geisenhanslüke

HITLISTE

Stellen Sie sich vor, Ihr Handy stöhnt. Statt „Düdelüt“ macht es plötzlich „Oooooh“ und beim zweiten Klingeln vielleicht „Love To Love You Baby“. Das kann zu peinlichen Situationen führen – ist aber momentan sehr schick. Immer mehr Leute laden sich ihren Lieblingssong als Klingelton herunter. In Großbritannien wurden dieses Jahr bereits mehr Klingeltöne als CD-Singles verkauft. Für den Klingeltonmarkt werden ein Umsatz von 100 Millionen Euro und ein Zuwachs von 60 Prozent erwartet. Da können die Kapitäne der Musikindustrie bei der Popkomm lange Fensterreden halten und sich mit neuen Download-Portalen gegenseitig übertrumpfen. Heute hat kaum noch jemand Zeit, zuzuhören. Die kurze Form ist der Renner. Bald scheint es, braucht niemand mehr den eigentlichen Song.

Dieser Eindruck drängt sich auch bei Beoncé auf. Beoncé hat sich ein Sample von Donna Summer ausgeliehen. Heute Nacht will sie unser „Naughty Girl“ sein, verspricht sie mit Donnas Hilfe. Aber der Song klingt so brav, als wäre er im Bundesfamilienministerium gemixt worden. Beoncé ist gerade 22 und hat mit Destiny’s Child bereits eine ordentliche Karriere hingelegt.

Die Abspaltung einzelner Künstler aus einer Boy- oder Girl-Group ist ein zwangsläufiger Schritt. Wenn Beoncé so weitermacht wird sie vielleicht ein weiblicher Robby Williams. Für ihr erstes Solo-Album wurde jedenfalls viel Prominenz zusammentelefoniert – Luther Vandross und Missy Elliott zum Beispiel – aber es ersäuft in Balladen-Schmalz. Kein Wunder, dass Beoncé nach drei Wochen auf Platz 1 nun von Kraftwerk verdrängt wurde, die mit ihrem Jingle zur Expo 2000 auch schon mal gezeigt haben, dass man mit kurzen Formen gut verdienen kann. Und wenn der letzte Takt downgeloaded ist, dann bleibt von der Musikindustrie vielleicht am Ende einfach nur ein einziger großer Piepton übrig.

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