Kultur : Diese Woche auf Platz 4 Seal: „IV“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

Mit seinem ersten Hit gab er das Motto für die Zukunft vor: „Video Killed The Radio Star“ war 1979 eine Prophezeiung für den Pop-Markt. Der Name der Band, „The Buggles“, ist heute vergessen. Nicht so ihr Kopf: Trevor Horn. Horn war für die Achtziger, was Phil Spector für die Sechziger war. Horn gab der Welt „Relax“ von Frankie Goes To Hollywood. Er gab der Welt die makellose Elektronik von Art Of Noise. Er reaktivierte Grace und Tom Jones. Durch bisweilen wahllose Kollaborationen, etwa mit Rod Steward oder Tina Turner, hat er seinen Mythos schrittweise entzaubert. Beim letzten Grand Prix sah man Horn schließlich als guten Onkel mit dem russischen Gören-Duo „t.A.t.U.“. Der einstige Innovator schien eine rapide Bohlenisierung zu erleben. Da ist es gut, sich an alte Weggefährten zu erinnern. Zum Beispiel Seal. Mit dem Sänger hatte Horn Anfang der 90er zusammengearbeitet, sich aber vor fünf Jahren verkracht. Nun wird das Rundum-Gutmenschentum von Seal wieder mit dem bewährten Schmuse-Soul ausgekleidet. Armeen von Streichern polstern Songs wie „Love’s Divine“, der sich mit seinem Ausruf „I Need Love!“ bereits in den Ohren der Radio-Veranwortlichen festgefressen hat. Und zwischen den beiden alten Kämpen herrscht wieder Sonnenschein. Horn sei ein „Produzent alter Schule“, der noch Noten lesen und Instrumente spielen könne, lobt Seal. Und Horn wird zitiert mit den Worten: „Mit Seal zu arbeiten ist wie Mercedes zu fahren statt – sagen wir mal – Skoda.“ Ein Auto, dessen Lebensdauer ungefähr dem Abstand zwischen zwei Seal-Alben entspricht. Wenn man sich „IV“ von Anfang bis Ende anhört, bleibt nur die Frage: Hat Horn mal nachgesehen, wo das Gaspedal sitzt?

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