Kultur : Diese Woche auf Platz 45 Mike Oldfield

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Der Computer-Beat hält stur die 80 beats per minute, Synthesizer wabern, eine Klassik-Gitarre entlässt perlende Töne in die Weite des Raumes. Was ist das? Die musikalische Begleitung, wenn nachts auf den lokalen Kabelkanälen osteuropäische Damen die Oberteile lüpfen? Oder die akustische Untermalung für ein Promo-Video, in dem eine neue Seniorenresidenz angepriesen wird? Beides falsch. Solches Funktionsgedudel wird meist Copyright-frei in anonymen Kellern zusammengenagelt. Mike Oldfield dagegen komponiert - wie auch sein Kollege Michel Cretu - in seinem Haus auf Ibiza.

Das Balearenklima scheint reiferen Herren nicht gut zu bekommen. Allein mit sich und ihren hochgerüsteten Studios neigen sie dazu, sämtliche Spuren mit geblähtem Pomp voll zu machen. Das kann auf Dauer nicht gesund sein. Mike Oldfield hat sich eine kleine Arrangement-Diät verordnet. Wie immer surft er mit großer Geste durch das Universum der kleinen Kadenz. Aber diesmal bitte nicht zu wild. Eher in der Art einer Blümchentapete. Ein „Chill Out Album“, das nach finaler Auskühlung klingt. Das Wohnzimmergedudel der Inselnachbarn vom „Café del Mar“ wirkt dagegen wie ein Schmelztiegel der Avantgarde.

Beinahe 30 Jahre zurück liegt die Zeit, als Oldfield mit seiner Musik den Unternehmer Richard Branson zum Gründen der Plattenfirma Virgin beflügelte und dann mit zwei Alben die Spitzenpositionen der Charts blockierte. Längst haben sich die beiden überworfen. Oldfield schickte ihm sogar auf dem Album „Amarok“ ein gemorstes „Fuck You". Doch der Simpel-Symphoniker - der seine Kundschaft hier auch noch mit einem läppischen Computerspiel (Zuzahlung 20 Euro) ködert - und Ballonfahrer Branson haben immer noch mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist: Mit heißer Luft fühlen sie sich am wohlsten. Ralph Geisenhanslüke

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