Kultur : Diese Woche auf Platz 5 T.A.T.U.

mit „All The Things She Said“

Jens Mühling

HITPARADE

Abgeschmiert vom ersten auf den fünften Platz ist diese Woche T.A.T.U., das russische Fräuleinwunder. Warum wohl? Eigentlich hätte das Popduo mit seinen jüngsten Aktivitäten gerade im friedensbewegten Deutschland Sympathieen ernten müssen. Vor kurzem trugen die beiden Mädels bei einem Gastauftritt im amerikanischen Fernsehen nämlich weiße T-Shirts, auf denen in kyrillischen Buchstaben „Chui Woinje“ zu lesen war. Bei einer amerikanischen Band hätte das „Fuck the War“ geheißen und zu einem Auftrittsverbot geführt. Doch da NBC- Mitarbeiter offenbar kein Russisch sprechen, wurde ihnen erst durch empörte exilrussische Anrufer die Bedeutung des Slogans klar.

Die lesbische Erotik, mit der T.A.T.U. sonst gerne in der Öffentlichkeit provozieren, wurde verziehen, der Kriegsprotest nicht: Vor dem nächsten Amerika-Auftritt ließ man die Band schriftlich versichern, derlei Provokationen nicht zu wiederholen. Prompt war auf den T-Shirts der Mädchen „Zensiert“ zu lesen. Und als der unerwünschte russische Satz dann mündlich widerholt wurde, kaschierte NBC das durch den üblichen Piepton.

Bisher hatten T.A.T.U.s erotische Tabuverstöße immer etwas leicht Bemühtes. Was aber steckt hinter einem solch hartnäckigen Willen zur Subversion? Kindlicher Trotz? Oder wollen die Russinnen - durchaus nicht unüblich unter Russlands Jugendlichen - dem politischen Kurs ihres Präsidenten sekundieren? Vielleicht zeigt es aber auch nur, dass in Kriegszeiten selbst Pop-Klone nicht mehr ohne politisches Statement auskommen.

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