Kultur : Diese Woche auf Platz 5 Wir Sind Helden: „Die Reklamation“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

Vor ein paar Tagen im Schlussverkauf am Kurfürstendamm: ein Laden voll erhitzter Schnäppchenjäger. Im Angebot: Retro-Turnschuhe, Retro-Trainingsjacken. Die Klamotten sehen nach Secondhand aus, sind aber von Puma oder Boss. So etwas tragen in der Werbung junge, verwuschelte Menschen, die Joghurt oder Versicherungen verkaufen. Plötzlich scheppert es aus den Lautsprechern: „Ich kauf nichts mehr, ich will mein Leben zurück.“ Bei Hennes & Mauritz, wo der Dauer-Kauf-Party-Sound in der Konzernzentrale konfektioniert wird, wäre so ein hübscher musikalischer Betriebsunfall nicht passiert. Aber hier passt er gerade ins Bild. Es gibt kaum einen besseren Ort als ein Kaufhaus, um den ersten Hit von Wir Sind Helden zu hören.

Zugegeben: Auch die Helden klingen nach Retro. Das rumpelnde Schlagzeug, der zickige Synthie, die Schrammelgitarre – all das erinnert an die goldenen Zeiten des deutschen New Wave, an den Sound von Ideal, Fehlfarben und DAF. Und auch ihre Platten werden gekauft: Das erste Album des Quartetts mit Wohnsitzen in Berlin, Hamburg und Hannover trifft offenbar auf einen Bedarf: nach unbotmäßigen Texten, nach Konsumkritik, die nicht pietistisch-trockenpflaumig wirkt, sondern eher schulterzuckend und ansonsten gut gelaunt. Eine Haltung, die offenbar viele teilen im „Land der begrenzten Unmöglichkeiten“.

Wir Sind Helden haben dagegen Dinge getan, die gemeinhin als unmöglich gelten. Sie drehten ihre Videos im Übungsraum und schafften es ohne Plattenvertrag in die Rotation von MTV. „Es war im Ausverkauf, im Angebot, die Sonderaktion“ – singt Judith Holofernes. „An dem Produkt ist was kaputt – das ist die Reklamation.“ Aber mit ihrem Produkt ist so weit alles in Ordnung.

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