Kultur : Dieser Schmerz.Immer.Bis jetzt.

ULRICH AMLING

Eine Frau wird verfolgt, verfolgt von ihrem Ruf, der sie auf "Skandal" etikettiert hat.Sarah Kane, Protagonistin des neuen britischen Dramas, ist seit der Uraufführung ihres Stückes "Zerbombt" 1995 für viele schlicht die "Kannibalismus-Kane".In ihrem Erstlingswerk war Gewalt keine Metapher, sondern realistische Theater-Tortur: Vergewaltigung, Verstümmelung, Mord und Kannibalismus auf offener Bühne.Das hat ihr Bewunderung wie Verachtung eingebracht und sie als Autorin festgelegt.Auch die folgenden Stücke "Phädras Liebe" und "Gereinigt" machen die Bühne, diese "moralische Anstalt", zum Schlachthof.Kein Wunder, daß Sarah Kane für ihr neuestes Projekt "Crave" zunächst den Schutz eines Pseudonyms wählte.Lustvoll entwarf sie für ihr Alter ego Marie Kelvedon eine Biographie und bestimmte, daß die Jungautorin nach einer dadaistischen Vorstellung im Speisesaal vom College in Oxford flog und jetzt mit ihrer Katze Grotowski in Cambridgeshire lebt.Eine heitere Maske.Doch nach ersten erfolgreichen Lesungen gab Sarah Kane die schützende Anonymität auf.

"Crave", im August in Edinburgh uraufgeführt, ist nach dem extremen Realismus seiner Vorgänger nun das komplette Gegenteil und damit für die Bühne nicht weniger problematisch.Die Autorin entwirft keine Ausgangssituation, keine Handlung, und das Personal ist lediglich A, B, C und M benannt.Zwei Frauen und zwei Männer sprechen einen dunklen, lyrischen Text: "Crave" (Verlangen) reimt sich nicht zufällig auf "Grave" (Grab).Es geht um die Sehnsucht nach Leben und Tod.Liebe und Verlust.Ja und nein.Doch Hoffnung gibt es keine, denn Sarah Kane versteht sich als "hoffnungslose Romantikerin".

Die Regisseurin Vicky Featherstone hat "Crave" mit der Londoner Theatertruppe "Paines Plough" uraufgeführt und das Stück nun im Rahmen der Berliner Festwochen in den Sophiensälen zum ersten Mal in Deutschland vorgestellt.Ihre Darsteller sitzen aufgereiht auf einem Podium in grauen Drehsesseln, zwischen ihnen Tischchen mit Wassergläsern.Die Situation erinnert an Talkshows, wo Privatpersonen zu öffentlichen TV-Gestalten mutieren.Teilnehmer von links: A (Alan Williams).Ein Mann mittleren Alters, dunkler Anzug, Cowboy-Stiefel, Typ Dennis Hopper.C (Sharon Duncan-Brewster).Eine junge farbige Frau, schwarzes Kleid, Schuhe mit hohen Gummiabsätzen.M (Ingrid Craigie).Eine Frau mittleren Alters, erdfarben gekleidet, Sandalen.B (Paul Thomas Hickey).Ein junger Mann mit Lederjacke, starkem irischen Akzent und buntem Hemd.A, B, C und M reden: vor sich hin, zum Publikum, zu ihren Sitznachbarn.Sie sagen zum Beispiel "Dieser Schmerz.Immer.Bis jetzt.Alles Lügen.Geh.Komm.Bleib.Ja.Nein.Ich will nicht bleiben." Das klingt oft nach Beckett.Und damit es nicht so sehr nach Beckett klingt, wird es bis zur Unverständlichkeit beschleunigt.In Kanes "Crave"-Text stecken Banalitäten aus der Zitatenkiste, poetische Passagen klar wie Wasser und pulsierende Sprachrhythmen.

"Der Zuschauer soll erkennen, daß die Charaktere nur so lange existieren, wie sie reden.Wenn sie damit aufhören, verlieren sie sich", sagt Vicky Featherstone.Doch dieser Abgrund bleibt dem Zuschauer vorenthalten, denn die Regisseurin läßt ihre Schauspieler einfach niemals anhalten.Und so verlieren sie sich in ihrem Reden - das Reden selbst verliert seinen Sinn.Der beständige Wortschwall, auch für durchaus Sprachkundige rein von der Masse her nicht zu bewältigen, untergräbt die Aufmerksamkeit und schürt die Ungeduld.Der "Beziehungsreichtum" von Kanes Text, das Andeuten und Aufflackern von Bindungen zwischen den Personen, erstirbt.Obwohl die Drehsessel rotieren, bleiben die Reaktionen der Schauspieler auf ihr Gegenüber nur sporadisch.Durch die bewußte Verweigerung theatralischen Geschehens rückt so auch "Crave" - wie seine blutigen Vorgänger - in die Nähe der Provokation.Die Nerven liegen blank, aber die Personen auf der Bühne und ihre Geschichten sind fern geblieben.Nach 45 Minuten Spielzeit hätte es still sein können in den Sophiensälen, der hohe Raum einzig erfüllt von dem Nachschwingen der Worte in den Köpfen der Zuschauer.Als Text hat "Crave" die Kraft dazu, als Theaterstück bislang nicht.Sarah Kanes unerhört poetische Phantasie, ihre neuen musikalischen leisen Töne - sie blieben ungehört.

0 Kommentare

Neuester Kommentar