Kultur : Dieser Wahnsinn heißt Vernunft

Das beste, was man über die Mahnmaldebatte im Bundestag vom Freitag sagen könnte, wäre: Die Abgeordneten haben es sich nicht leicht gemacht. Aber das gehört zum Job von Politikern, ob sie über das 630-Mark-Gesetz, die Altauto-Verordnung oder das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas beraten. Außerdem: Was keine Mühe macht, das bringt auch keine Befriedigung, zumal bei einem Thema, an dem so viel Schweiß, Blut und Tränen hängen.

Elf Jahre nachdem eine Berliner Bürgerinitiative unter der Führung von Lea Rosh die Forderung nach einem Mahnmal für die ermordeten Juden zum ersten Mal artikuliert hatte, nach zwei Wettbewerben mit hunderten von Teilnehmern, einem halben Dutzend Colloquien und Konferenzen, zahllosen Interventionen von Historikern, Journalisten und Politikern, sollte die Debatte zu einem Ende geführt werden. Dafür sprach vor allem ein Grund: daß die Debatte schon so lange geführt wird und daß es peinlich wäre, sie ergebnislos einzustellen. So wird aus einer mission impossible ein Kreuzzug der angewandten Konsequenz, bei dem es vor allem darauf ankommt, daß seine Veranstalter die Ziellinie erreichen. Und nun ist es passiert: mit 439 gegen 115 Stimmen hat der Bundestag den Bau eines zentralen Holocaust-Mahnmals beschlossen, und mit 325 gegen 218 Stimmen entschieden, daß das Mahnmal nur den ermordeten Juden gelten soll, nicht den Sinti und Roma, den Bibelforschern, den Homosexuellen, den Deserteuren und all den anderen Opfern der Nazis.

Die Entscheidung ist, um es vornehm auszudrücken, politisch ein Skandal und moralisch eine Katastrophe, sie setzt die Sonderbehandlung der Juden unter einem positiven Vorzeichen fort. Es macht die ganze Sache nicht koscher, daß ein paar jüdische Funktionsträger mit der Sonderbehandlung einverstanden sind und das Privileg, von den Erben der Täter hofiert zu werden, mit niemandem teilen möchten. Wobei sie nicht einmal merken, daß sie nur Mittel zum Zweck sind. "Wir müssen heute entscheiden", erklärte Wolfgang Thierse in seiner Funktion als SPD-Abgeordneter, "ob wir Deutsche uns mit Anstand aus diesem schlimmen Jahrhundert verabschieden"; dazu gehöre auch das Mahnmal, "das wir nicht für die Juden bauen, sondern für uns, die Nachkommen der Täter". Das war ein Wort von erfrischender Klarheit. Die im Raum schwebende Frage, warum die Nachkommen der Täter an der Schwelle zum nächsten Jahrhundert nur die Juden mitnehmen und alle anderen NS-Opfer hinter sich lassen wollen, beantwortet Thierse dahingehend, Auschwitz sei ein "Symbol für den jahrhundertealten Judenhaß", die Entscheidung bedeute "keine Geringschätzung der anderen Opfer".

Der CDU-Abgeordnete Norbert Lammer zeigte sich "stolz auf das Land, in dem ich lebe"; einerseits sei der Holocaust ein "Zivilisationsbruch" gewesen, andererseits "gehört der Holocaust zu den Gründungsdaten dieser Republik". Die bündnisgrüne Abgeordnete Antje Vollmer erzählte eine Geschichte aus dem Talmud so begnadet, wie ein bayerischer Trachtler einen Ostfriesenwitz erzählen würde und erinnerte sich: "Als ich 1964 das erste Mal in Auschwitz war (. . .), ich habe das mein ganzes Leben lang nicht vergessen (. . .)" - auch sie eine Traumatisierte, die im Gegensatz zu denjenigen, die schon 1944 in Auschwitz waren, immer noch leidet. Petra Pau von der PDS setzte sich für ein "Netzwerk des Erinnerns und Mahnens" ein, "damit sich derartige Verbrechen nicht wiederholen!" Womit natürlich "Auschwitz" gemeint war und nicht der kleine Völkermord in Kosovo. Es gab einen seltsamen fraktionsübergreifenden Konsens, daß die eigentlichen Opfer des Holocaust die Deutschen sind, die seit über 50 Jahren leiden und Trost benötigen. "Wir brauchen das Mahnmal für uns und für die kommenden Generationen!", rief Gregor Gysi aus. Er sprach politisch korrekt von "Jüdinnen und Juden", ansonsten unterlief ihm ein kleiner Fehler von ca. 4000 Jahren, als er "die systematische Ausrottung eines 2000 Jahre alten Volkes" beklagte. Ein FDP-Abgeordneter zeigte sich ebenso vertraut mit jüdischer Kultur und Geschichte. Der Holocaust habe "das Geistesleben in unserem Lande beschädigt"; statt ein Mahnmal zu bauen, sollte in Berlin "eine internationale jüdische Universität" errichtet werden, um "die jüdische Kreativität" neu zu entfachen. "Damit würden wir unserem Land ein Geschenk machen, dessen Nutznießer noch unsere Enkel sein werden."

Die "Kultur der Erinnerung" war in aller Munde, die "Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit wurde beschworen", als wäre es ein ABM-Programm für herumlungernde Jugendliche. "Die steingewordene Erinnerung trägt die Verheißung der Dauer in sich", begeisterte sich der Abgeordnete Volker Beck für den Entwurf "Eisenman pur" und sah "das steingewordene Stelenfeld, das nach allen Seiten mit der Stadt kommuniziert". Ein FDP-Sprecher diagnostizierte "den Triumph der Kunst über den Kleinmut", und ausgerechnet die Vorsitzende des Kultur-Ausschusses, Elke Leonhard, sagte zweimal hintereinander, das Denkmal sei "integriert in die Gesamtkonzeption des Vergessens", bevor sie die Kurve kriegte und in "eine Gesamtkonzeption gegen das Vergessen" einbog. Weitere Höhepunkte in der parlamentarischen Grauzone zwischen Freudschen Fehlleistungen und "Bald-wird-alles-wieder-gut-Phantasien" waren ein Wunsch der SPD-Abgeordneten Gisela Schröter ("Lassen wir den Stelenwald wachsen!") und die Hoffnung ihres Parteifreundes Gert Weisskirchen, es sei "eine wunderbare Geste, wenn in Bonn entschieden wird, was in Berlin gebaut wird". So ganz umsonst sind die Juden also nicht gestorben, der vielbeschworene "Zivilisationsbruch" war, wenn auch unfreiwillig, doch zu was gut. "Auschwitz ist ein zentraler Gründungsmythos der Bundesrepublik", räsonnierte eine junge CDU-Abgeordnete mit exzessiver Unschuld, "in seiner Unerträglichkeit hat uns der Holocaust zu den tragenden Elementen unserer Demokratie geführt".

"Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft", hat der bayerische Ketzer und Schriftsteller Oskar Panizza mal gesagt. In diesem Sinn hat der Bundestag soeben eine äußerst vernünftige Entscheidung getroffen.

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