Kultur : Dieser wilde Fluss von Ideen

Rainald Goetz meldet sich in „Vanity Fair“ zurück

Gerrit Bartels

Der Legende nach, hieß es vor dreieinhalb Jahren, sei der Schriftsteller Rainald Goetz gerade dabei, ein neues Buch fertigzustellen. Bei der Legende ist es geblieben: Es gibt noch immer kein neues Buch von ihm. Seine letzte Veröffentlichungen datiert aus dem Jahr 2001, „Das Jahrhundert der Frauen“ beim Berliner Merve Verlag. Danach machten immer mal wieder Gerüchte die Runde, Goetz schreibe an einem Roman über den Berliner Politikbetrieb (er war auf Bundespressekonferenzen gesichtet worden, eifrigst mitschreibend), komme aber nicht voran, und bei Suhrkamp, seinem Hausverlag, sei man schon ganz verzweifelt. Goetz habe seinen Roman oder das, was davon vorhanden war, vernichtet, wurde dann kurzzeitig geschwatzt, er selbst sei aber wohlauf.

Alles Gerüchte, die auch deswegen kursierten, weil Rainald Goetz sich auch sonst als Autor rar machte und sich nicht wie andere Schriftsteller zu irgendwas in den Feuilletons zu Wort meldete. Ein wahrhaftiger Dichter macht so etwas eben nicht, Pop hin oder her. Umso mehr überraschte, dass Goetz jetzt so mir nichts dir nichts wieder back in business ist, und zwar in Zusammenarbeit mit Ulf Poschardts „Vanity Fair“. Auf zwei Seiten präsentierte das „Neue Magazin für Deutschland“ in seiner zweiten Ausgabe die Wiederkehr des Rainald Goetz. Exklusiv schreibt er für „Vanity Fair“ ein Internettagebuch, neudeutsch „Blog“ genannt.

Seit 1. Februar macht er das nun unter dem Titel „Klage“, und zwar weil er das so wollte und so lange ihm danach ist,in der Regel alle zwei Tage, wie es bei „Vanity Fair“ heißt. Beim Lesen kommt es einem so vor, als sei Goetz nie weggewesen, als gäbe es das Subito noch heute, das Heinz Kahmers Tanzkaffee, das Risiko, und wie sie alle heißen, und als würde er naht- und zeitlos an die letzte Eintragung seines Internettagebuchs „Abfall für alle“ aus dem Jahr 1997/1998 anschließen. Voll auf Sendung wieder, der Mann, ständig unterwegs, im Kino, im Theater, in Galerien und in Berlin-Mitte: mal als „Ich“, mal als Alter Ego und mutmaßlich zukünftiger Romanfigur „Dr. Rudolf Kyritz, Jahrgang 1951, Jurist, unverheiratet, keine Kinder. Arbeit im sogenannten BMI als Ministerialrat, Referat 03, Abteilung 0, Protokoll Inland. Quereinsteiger, keine richtige Karriere, pflegt vielfältige musische Interessen. (...)“.

Die Eintragungen sind mal Klatsch, mal Quatsch, mal Kunst-, mal Lebensbetrachtung, mal bloße Sentenzen („dieser wilde Fluss von Ideen von mir“), mal bloß hingeworfene Worte („Textentzug durch Reden, Argumentverbesserung“), dann wieder poetische Dreisprünge wie „Wahrheit: das Problem/Lockerheit: Trottelkategorie/für wütend lies: zornig“. Alle Eintragungen handeln von der erstaunlich kleinen Welt, in der Rainald Goetz lebt und schreibt (und nicht nur er, wir alle!). In ihnen allen wohnt eine gewisse Atemlosigkeit und ein schöner, Goetz selbst bisweilen aber(z. B. beim Abgeben von Texten) behindernder Ernsthaftigkeits- und Wahrhaftigkeitsfuror inne.

Dass Goetz seinen Blog bei „Vanity Fair“ hat, machtdabei durchaus Sinn: Nicht nur weil Ulf Poschardt und er sich seit Ewigkeiten kennen und schätzen. Sondern auch weil sich Klatsch und Kunst noch nie gegenseitig ausgeschlossen haben, Goetz schon immer ein Wanderer zwischen Suhrkamp-Kultur, Techno-Sause und Mode-Quark war, und rein gar nichts gegen die Analysen des Schwachsinns und des Banalen im Kontext des Schwachsinns und des Banalen spricht. Das kann also wieder was geben von Goetz, wenigstens ein „Abfall für alle 2.0“. Bei Suhrkamp ist man allerdings vorsichtig. Da sei noch nichts in der Pipeline, hieß es auf Anfrage in Frankfurt, kein neuer Goetz-Roman, kein Stück, kein Nichts, und das könne laut Lektorat auch noch ein Weilchen dauern.

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