Kultur : Dieses gefährliche, mächtige Tier

Anna Geppert

"Dass Harold Pinter die oft als lästig empfundene, beharrliche Erinnerung an verfolgte, gefolterte, ermordete Schriftsteller wach hält, dafür sei ihm gedankt" - so Rolf Michaelis in seiner Laudatio gestern vormittag im Berliner Ensemble. Pinter erhielt am "Tag der verfolgten Autoren" die Hermann-Kesten-Medaille. Kesten zu Ehren, der 1940 vor den Nazis in die USA floh und sich dort für die Rettung deutschsprachiger Schriftsteller einsetzte, stiftete das P.E.N.-Zentrum Deutschland 1985 die Medaille für besondere Verdienste um verfolgte Schriftsteller und Journalisten. Seit 2000 ist die Auszeichnung außerdem mit einem Preisgeld des Landes Hessen von 20 000 Mark verbunden.

Der 1930 in London geborene Pinter gilt als einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsdramatiker. In seinen Anfängen dem absurden Theater Becketts oder Ionescos nahestehend, erzeugen seine Werke ein Gefühl unbestimmten Bedrohtseins, der Unsicherheit und Kommunikationsunfähigkeit. Mit den Jahren wird Pinter konkreter. Nachdem er 1965 noch auf die Frage nach den Ursachen für die Unsicherheit der Bühnenexistenzen in "Heimkehr" gegiftet hatte "Ich hatte genug Schwierigkeiten, das Stück zu schreiben. Ich habe keine Zeit, über seinen Sinn nachzudenken!", greift er in seinen Dramen direkt gesellschaftliche und politische Ereignisse auf und entwickelt auch außerhalb der Bühne seit den 80er Jahren zunehmend ein politisches Engagement. Er schreibt Essays, prangert Menschenrechtsverletzungen in allen Teilen der Welt an. Mit einem Gedicht attackierte er die Vereinigten Staaten, als diese in den Golfkrieg zogen, und kritisierte das Nato-Bombardement gegen Jugoslawien als Bruch des Völkerrechts. Als er sich im Sommer 2001 dem "Internationalen Komitee zur Verteidigung Milosevics" anschloss, das die Befreiung des Ex-Diktators forderte, stieß er damit vielerorts auf Unverständnis. Pinter zweifelte an der Legitimität der Entscheidung Belgrads, Milosevic auszuliefern und in Den Haag vor das Militärtribunal zu stellen. Im September dieses Jahres warnte er davor, den Kampf gegen die Terroristen mit "Bomben und Kugeln" zu führen. Dementsprechend kritisch äußerte er sich zum Krieg gegen Afghanistan in den vergangenen Wochen. Sein Zorn gilt den USA, diesem "extrem gefährlichen, mächtigen Tier". Dort würden Militärgerichte institutionalisiert, die ohne jede Öffentlichkeit und jedes Verfahren Urteile fällen. In diesem Vorgehen könne er "wenig Demokratisches erkennen, eher eine Diktatur", so Pinter bei der gestrigen Matinée. Er wies auf die unzähligen Menschenrechtsverletzungen hin, die immer noch täglich geschehen, ohne dass westliche Regierungen Konsequenzen daraus zögen. Von Europa fordert Pinter daher, kritisch zu sein und Einfluss zu nehmen, sich nicht feige hinter Amerika zu verstecken. In einer Zeit, in der so viele "bedingungslose Solidarität" verlangen, scheut Pinter sich nicht, diese zu verweigern. Er plädiert für die Einrichtung eines internationalen, unabhängigen Gerichtshofes, vor den Straftäter aller Nationen gestellt werden sollen: "Bin Laden, Milosevic und auch Henry Kissinger", den er für den Tod von Millionen Menschen in Chile, Vietnam, Kambodscha, Argentinien, Guatemala, El Salvador und vielen anderen Ländern verantwortlich macht.

Sind es diese "Ecken und Kanten", diese fehlende "Rücksicht auf das Protokoll oder gar den guten Ton", für die sich der Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums, SAID, in seiner Ansprache bedankt? Nach Angaben der "Writers-in-Prison"-Beauftragten Karin Clark, habe sich in vielen Ländern die Situation für Autoren verschlechtert. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden 538 Schriftsteller getötet, verfolgt, entführt oder bedroht.

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