Kultur : Diesseits der Stille

Triumph der Neo-Moderne: Die deutsche Malerin Tomma Abts gewinnt in London den Turner-Preis

Nicola Kuhn

Die britischen Buchmacher waren von der Juryentscheidung nicht wirklich überrascht. In den Londoner Wettbüros, wo man nicht nur auf Pferde, sondern auch Künstler setzen kann, galt Tomma Abts schon längst als Favoritin für den mit 37 000 Euro dotierten Turner-Preis. Nicht einmal die deutsche Malerin selbst zeigte sich erstaunt, als man sie Anfang des Jahres zum Wettstreit um die renommierteste Kunstauszeichnung Großbritanniens einlud. Denn auch in London, wo die 37-Jährige seit Mitte der Neunziger lebt, wird die Kunst internationaler; auch dort feiert die Malerei der Neo-Moderne in den Galerien ihren Triumph. Trotzdem dürfte das Herz der gebürtigen Kielerin gehüpft haben, als Yoko Ono, wie eine Zeremonienmeisterin in Frack und Zylinder gekleidet, beim Festakt ihren Namen aus dem Umschlag zog.

Zum zweiten Mal nach dem Fotografen Wolfgang Tillmans vor genau sechs Jahren erhält damit ein deutscher Kandidat die höchsten Weihen der Insel für die aktuelle Kunst, erstmals übrigens eine Malerin in der Geschichte des nach William Turner genannten Preises, der seit 1984 mit viel Pomp und Prominenz, dazu live übertragen von Channel 4, verliehen wird. Auf dem Kunstmarkt gilt Tomma Abts längst als Siegerin, denn für ihre stets 48 mal 38 Zentimeter großen Bilder gibt es Warteschlangen, die mit der Turner-Trophäe noch einmal größer geworden sind. Die junge Malerin, die in Berlin an der Universität der Künste studierte, versteht sich rar zu machen. Auf die jüngste Frieze Art Fair in London gab sie überhaupt keine Bilder hin, weil sie durch ihre langwierige Produktion noch nicht fertig gewesen waren.

Was aber reizt an ihren stillen abstrakten Gemälden, dass sie die weitaus spektakuläreren Beiträge ihrer Konkurrenz, der Videokünstler Phil Collins, die Bildhauerin Rebecca Warren und der Installationskünstler Mark Titcher, aus dem Rennen schlug und die Jury für sich gewann? Die schwärmte von ihrer „rigorosen, präzisen und langatmigen Methode“, mit der Bilder entstünden wie Individuen. Tatsächlich tragen ihre Werke nordisch klingende Bezeichnungen wie „Obbe“, „Noene“ oder „Ert“, die sie einem friesischen Vornamenwörterbuch entnimmt. Der Betrachter erlebt mit dem Bild ein regelrechtes Gegenüber, ein Porträt, das durch die wieder und wieder aufgetragenen Acryl- und Ölfarbschichten geradezu physisch wirkt.

Stets meint man in den abstrakten Bildern einen konkreten Gegenstand zu erhaschen, die zackige Silhouette eines Gebirges oder die Spiralenform eines Sonnenrads. Doch davon ist die Malerin in ihrem Malprozess zunächst weit entfernt. Am Anfang steht, gab sie jüngst in einem Interview preis, „eine vage, wirklich sehr vage Vorstellung, und manchmal noch nicht einmal das. Ich fange im Abstrakten an und versuche anschließend eine Form zu finden, eine Form für etwas Konkretes, Gegenständliches.“ Dieser Vorgang zieht sich über Monate hin. Die Bilder werden weggelegt und immer wieder hervorgeholt, bis „am Ende alles seinen Platz gefunden hat“. Anders bei ihren Zeichnungen, die zuletzt auf der Berlin Biennale in der Ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in einem Klassenzimmer mit abblätterndem Putz zu sehen waren. Diese wirkten fragil wie utopische Architekturzeichnungen. Sie gewannen gerade durch das pittoreske Ausstellungsambiente, das wie die Blätter von Tomma Abts mit Historie aufgeladen ist, ihren Charme.

Sie selbst lässt sich ungerne kategorisieren, auch wenn sie als eine Protagonistin der Neomoderne gilt, die sich bei den Vorläufern der abstrakten Malerei bedient. Als sie 1995 mit einem Daad-Stipendium im Gepäck nach London wechselte, waren noch die Young British Artists angesagt. Im Zuge des Revivals gegenständlicher Malerei wenige Jahre später fanden mehr und mehr auch die Abstrakten Aufmerksamkeit, bis hin zur Biennale-Präsentation eines Thomas Scheibitz zuletzt im Deutschen Pavillon. Auf Abts passt perfekt das Motto der kommenden Documenta „Die Moderne ist unsere Antike“, denn in ihren Werken kehren die frühen Avantgarden wie Kubismus, Futurismus und die Op-art wieder, allerdings mit einem Farbgefühl unserer Zeit und in gedämpften Tönen.

In der Langsamkeit ihres Arbeitsprozesses, der Beharrlichkeit ihrer wiederkehrenden geometrischen Formen steckt eine große Ausgeglichenheit. Daran dürfte auch die pompöse Preisverleihung von London nichts ändern. „Ich habe die Nominierung angenommen, weil ich glaube, dass es so oder so keine Auswirkung auf mich hat“, erklärte sie noch zuvor. „Obbe“, „Noene“ oder „Ert“ werden auch diesen Ansturm überstehen.

Die Arbeiten der vier Turner-Kandidaten sind noch bis 14. Januar in der Tate Britain in London zu sehen.

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