Kultur : Dieter Goltzsche: Die Spur der Städte

Klaus Hammer

Man muss schon in die Anfänge der neunziger Jahre zurückgehen, wenn man sich an Dieter Goltzsches letzte größere Berliner Austellung erinnern will. Anlässlich der Herausgabe des von Gudrun Schmidt betreuten Werkverzeichnisses der Radierungen, Holzschnitte und Linolschnitte zeigt die Galerie Brusberg jetzt eine Auswahl von Aquarellen, Zeichnungen, Collagen und Radierungen des gebürtigen Dresdeners. Seit 20 Jahren lehrt er an der Kunsthochschule Weißensee, im vergangenen Jahr wurde er emeritiert. Porträts, Akte, Stillleben, (Stadt-)Landschaften, Interieurs, literarische und biblische Reminiszenzen, Imaginiertes - die Wechselwirkung von Spontaneität und Kontrolle bestimmt den Prozess seines Zeichnens.

Für Goltzsche wurde Berlin zum Focus, zur Welt im kleinen Maßstab. Die Stadt lieferte ihm Anlass und Hintergrund, um heutige Erfahrung in der Spanne zwischen Unrast und Einsamkeit, zwischen visionärem Träumen und banaler Alltäglichkeit tagebuchartig einzufangen. Er vermag eine Überfülle an Eindrücken zu ordnen und ihr im Stakkato knapper Formen doch funkelnde Leuchtkraft zu verleihen. Was auch immer an Emotionen in seinen Arbeiten vorscheint, ist nicht expressiv, sondern zutiefst subjektiv und voll von spielerischer Lust am poetischen Fabulieren. Mit dem nie massiv oder auffallend ekstatisch gesetzten Pinselstrich bricht er die Farbflächen auf und nimmt ihnen alles Dekorative. Die suggestive Wirkung von gegeneinander gesetzten Primärfarben erprobt Goltzsche in ganzen Blättern, mit Vorliebe aquarelliert er auch Radierungen und Lithografien und macht sie so zu Unikaten.

In den neunziger Jahren fand er über die Reduktion der Farbe zu einer neuen experimentellen Offenheit: Die gegenständliche Welt bannt er - mitunter auf Landkarten, Millimeter- oder Zeitungspapier - in Chiffren und Hinweise, die den Betrachter in wahre Labyrinthe führen. Die Betonung liegt ebenso auf einer Auseinandersetzung mit der eigenen Identität wie auf einer Hommage an die Weite, die geistige Transparenz der uns umgebenden Welt. Mitunter lassen sich Elemtente entziffern, eine "Erzählung" gibt es allerdings nicht. Immer bleiben schwebende Strukturen, Linien, die sich im Ungewissen verlieren.

Im Raum der Abstraktion vertritt Goltzsche eine lyrisch-musikalische Komponente. Wie ein musikalischer Satz oder eine lyrische Struktur ist das Ereignis nicht zu bestimmen, sondern allein zu empfinden. Die Arbeiten sind wie konzertante Sätze oder Metaphern einer lyrischen Empfindung, eines visuellen Erlebnisses der Welt. Die Erinnerung an das Gegenständliche wird geweckt und zugleich wieder gelöscht, allein in der Empfindung klingt das Erlebnis nach.

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