Dieter Hallervorden : „Mein Körper? Der ist, wie er ist“

Didi – das war einmal. Dieter Hallervorden kann auch ernst: in seinem neuen Film „Sein letztes Rennen“. Und im Leben. Eine Begegnung mit dem Schauspieler.

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78 und ein bisschen weise. Dieter Hallervorden, Schauspieler und Lebenskünstler. Foto: Universum Film
78 und ein bisschen weise. Dieter Hallervorden, Schauspieler und Lebenskünstler.Foto: Universum Film

Wie war das noch: Ab 40 ist jeder selbst für sein Gesicht verantwortlich? Dann hat Dieter Hallervorden definitiv was richtig gemacht. Und damit sind nicht seine Sketch-Grimassen gemeint oder die expressiven Züge des Theaterschauspielers, sondern sein anrührend offenes Menschengesicht, das den ganzen Film „Sein letztes Rennen“ trägt. Die blanken Kinderaugen im zerfurchten Greisengesicht. Die leise Trauer und das stumme Staunen über die Zumutungen des Alterns, der lakonische Witz und der Trotz des Kämpfers. Alles drin. Da braucht es nur noch wenige Worte und einen weißen Rauschebart – und schon ist der zauberhafte Weihnachtsmann-Appeal seines Helden, des Marathonläufers Paul Averhoff, perfekt.

Klack, da geht auch schon eine Tür im Hotel Brandenburger Hof in Wilmersdorf auf. Auf die Minute pünktlich. Dieter Hallervordens Gesicht erscheint. Er grüßt höflich, lächelt scheu, die Turnschuhe hat er ausgezogen, er steht auf Socken im Zimmer. Der Bart ist ab. War ja Paul Averhoffs Bart, nicht seiner. Obwohl, so leicht auseinanderzuhalten ist das gar nicht. Er habe die Rolle zwar gespielt, sagt er, aber sie eigentlich gelebt, sich total identifiziert. „Das bin eigentlich ich.“

Mal kurz nachdenken: Dieter Hallervorden, 78, Wohnsitze in Berlin und Frankreich, Humoristen-Ikone, Chef des Kabaretts Wühlmäuse und des Schlosspark-Theaters, Ehemann einer 25 Jahre jüngeren Frau, Vater eines 14 Jahre alten Sohnes ist also Paul Averhoff, der Held der ebenso sportiven wie sentimentalen Tragikomödie von Kilian Riedhof. Einst Marathonläufer und Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1956, jetzt ein namenloser Berliner Rentner, der seiner kranken Frau Margot (Tatja Seibt) und der vielbeschäftigen Tochter Birgit (Heike Makatsch) zuliebe ins Altenheim geht. Dort gegen das Eiapopeia aus Bastelstunden und Singekreisen aufmuckt und für den Berlin-Marathon trainiert. Also beides alte Männer mit viel gelebtem Leben, aber sonst? Ist doch sonnenklar, findet Hallervorden. Averhoff und er teilen dieselbe Lebensphilosophie. „Einmal mehr aufstehen als hinfallen. Wer stehen bleibt, hat schon verloren.“ Komisch: Wenn dieses Gesicht sowas sagt, klingt es nicht wie ein Kalenderspruch.

Hallervorden, geboren in Dessau, hat auch allerhand hinter sich. Das Abitur nur mit Ach und Krach gemacht, weil er nicht in die FDJ eintreten wollte. Im Studium der Stasi nur knapp entkommen. Als Nobody ein Kabarett gegründet. Hasch geraucht und Koks geschnüffelt. Er sei wahrlich nicht immer den leichtesten Weg gegangen, sagt er. „Fünf Jahre hatte ich im Fernsehen als Kabarettist Berufsverbot, weil ich Unterhaltungschefs gegenüber nicht willfährig war.“ Dann mit 74 noch das zweite Haus übernommen. Das und viel mehr ist alles in sein und damit auch Paul Averhoffs Gesicht reingegangen. Das macht, dass die blöde Werbe-Binse, die auf den Plakaten für „Sein letztes Rennen“ steht, tatsächlich stimmt: „Die Rolle seines Lebens“.

Es ist seine erste Spielfilmrolle seit 20 Jahren. Und weil es für den Dreh von „Sein letztes Rennen“ zumindest auszugsweise den letztjährigen Marathon mitzulaufen galt, der im Film mit dem triumphalen Einlauf des renitenten alten Averhoff ins Olympiastadion endet, hat sich Hallervorden vorher ordentlich geschunden. Fünfeinhalb Monate hat er trainiert, ist jeden Tag gelaufen, zweimal die Woche im Fitnessstudio an den Geräten gewesen, hat die gesamte Ernährung umgestellt, keinen Tropfen Alkohol getrunken und Magnetfeld-Therapie gemacht. „Ich bin ein Pflichtmensch“, sagt er.

Ein Pflichtmensch, der sich nicht scheut, sein welkes Greisenfleisch in die Kamera zu halten, wenn es die Kunst verlangt. Das sei für ihn auch keine Überwindung gewesen, stellt er klar. Auf die hautfarbene Unterhose, die ihm die Kostümbildnerin für die Szene andiente, in der er auf dem Balkon des Altenheims nackig Kniebeugen macht, hat er verzichtet. „Ich steh’ zu meinem Körper. Nicht, dass ich sage, ich finde ihn wunderschön. Aber er ist nun mal so, wie er ist.“

Altern hat eben auch Vorzüge. Wenn’s gut läuft mit der Charakterbildung und dem Leben, verlieren sich lästige Ängste. Die Angst, ein Komiker und folglich kein ernster Schauspieler zu sein, hat ihn sowieso nicht umgetrieben, als der Regisseur ihm die Rolle angeboten hat. „Dass ich auch das kann, habe ich ja längst bewiesen!“ Hallervorden hat schon zu Beginn seiner Film- und Fernsehkarriere in den Siebzigern dramatische Rollen gespielt, etwa den fiesen Killer in Wolfgang Menges Mediensatire „Das Millionenspiel“ oder einen ebenfalls mörderischen Psychopathen im Thriller „Der Springteufel“. Allerdings war er da noch nicht als Slapstick-Onkel, als „Didi“ vom Dienst bekannt. Überhaupt ist in jedem Satz dieses zurückhaltend und sorgfältig formulierenden Herren zu spüren, wie froh er darüber ist, noch mal in einer großen Kinorolle gegen dieses Image spielen zu können. Wobei bei aller Schweigsamkeit der Figur gelegentlich ein Funken Didi als Pointe aufblitzt oder als schelmischer Zug das Gesicht erhellt.

Dass Dieter Hallervorden nie zu denen gehört hat, die herumbarmen, weil sie 40, 50 oder 60 werden, braucht er da gar nicht extra zu erzählen. Die Tragik des alternden Filmehepaars, das schließlich der Tod und vorher der fast noch beklemmendere unterschiedliche Verlauf des Alterungsprozesses unerbittlich voneinander trennt, ist ihm nicht persönlich ins Gebein gefahren. Er sei da Optimist, sagt er. „Wer sich gegen das Altern, gegen die Endlichkeit des Lebens stemmt, wird nur unglücklich, weil es ja sowieso passiert.“ Und wenn die Kräfte eines Tages schwinden, vielleicht auch ihm die Endstation Altersheim blüht? Darauf wolle er ironisch antworten, sagt er. „Ich habe rechtzeitig – also vor fast 25 Jahren – eine jüngere Frau geheiratet und hoffe, dass sie mir vielleicht das Altersheim erspart.“

Und dann folgt die für einen Mann seines Alters recht erstaunliche Auskunft, dass er sich keine Gedanken darüber macht, was ihm gesundheitlich womöglich in 20 Jahren widerfährt. Also wirklich: Dieter Hallervorden hat was richtig gemacht. Im Gesicht. Und überhaupt.

Der Film läuft jetzt in 14 Berliner Kinos.

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